
Notenbankchefin Nabiullina geht 2027 – ihr Abgang könnte für Wirtschaft und Märkte zum Stresstest für Russland werden.
Russland steuert wirtschaftlich durch schwieriges Fahrwasser – und verliert womöglich bald seine wichtigste Stabilitätsfigur. Mit dem nahenden Abschied von Zentralbankchefin Elvira Nabiullina rückt die Frage ihrer Nachfolge zunehmend in den Fokus von Märkten und Investoren, analysieren Alexander Kolyandr und Alexandra Prokopenko für The Bell*.
Nabiullinas dritte und gesetzlich letzte Amtszeit an der Spitze der russischen Zentralbank endet am 24. Juni 2027. Bereits bis März kommenden Jahres muss Präsident Wladimir Putin einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin nominieren. Für Marktteilnehmer ist das mehr als eine Personalie: Die Besetzung dürfte erheblichen Einfluss auf den künftigen geldpolitischen Kurs Russlands haben.
Der Zeitpunkt ist heikel. Russland kämpft derzeit mit mehreren wirtschaftlichen Belastungsfaktoren gleichzeitig. Das Wachstum verliert an Dynamik, das Haushaltsdefizit lag im ersten Quartal bereits deutlich über dem Jahresziel und die Zinsen bewegen sich trotz mehrerer Senkungen weiterhin auf hohem Niveau. Hinzu kommen geopolitische Unsicherheiten und die Folgen der anhaltenden internationalen Spannungen.
Unternehmen leiden bereits zunehmend unter Liquiditätsengpässen. Laut aktuellen Erhebungen berichteten mehr als die Hälfte russischer Firmen im laufenden Jahr von Problemen beim Cashflow. Besonders betroffen seien Branchen wie Öl und Gas, Rohstoffförderung, Industrie sowie Groß- und Einzelhandel. Bei 43% der befragten Unternehmen gingen die Umsätze gegenüber dem Vorjahr zurück.
Parallel sorgt auch die Sanktionspolitik für Bewegung. Großbritannien kündigte zwar neue Maßnahmen gegen Russland an, gleichzeitig wurden bestehende Beschränkungen im Ölsektor offenbar faktisch gelockert – ein Schritt, der die Wirksamkeit bisheriger Sanktionen zumindest teilweise infrage stellt.
Nabiullina gilt seit Jahren als zentrale wirtschaftspolitische Konstante Russlands. Gerade in Krisenzeiten verschaffte ihre geldpolitische Linie internationalen Investoren zumindest ein Mindestmaß an Berechenbarkeit. Entsprechend aufmerksam dürfte verfolgt werden, wer ihre Nachfolge antritt – und ob der künftige Kurs stärker auf Stabilität oder politische Prioritäten ausgerichtet wird.
Für die Märkte beginnt das ‚Nabiullina-Endspiel‘ damit bereits jetzt.
*) Alexander Kolyandr ist Finanzanalyst und Senior Fellow am CEPA sowie ehemaliger Manager bei Crédit Suisse. Alexandra Prokopenko ist unabhängige Analystin und war Beraterin der russischen Zentralbank. Beide verfassen Meinungsartikel für The Bell, einem führenden unabhängigen russischen Wirtschaftsnachrichtendienst. 2022 stuften die russischen Behörden sowohl The Bell als auch ihre Gründer als ‚ausländische Agenten‘ ein und sperrten im Jahr darauf den Zugang zur Website in Russland.
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