KI-König Nvidia unter Druck

Nvidia liefert weiter Rekorde – doch Margenfragen, Abhängigkeiten und neue KI-Trends bremsen die Euphorie.

Nvidia bleibt das Epizentrum des globalen KI-Booms – doch an der Börse reicht operative Stärke inzwischen nicht mehr aus, analysiert Sandeep Rao*. Der Chipkonzern übertraf im ersten Quartal 2027 erneut die Erwartungen der Analysten, dennoch reagierte die Aktie mit Verlusten. Es war bereits der vierte Rückgang nach Zahlen in Folge – ein Signal, dass Anleger zunehmend auf Risiken statt Rekorde schauen.

Nvidia steigerte den Umsatz auf 81,6 Mrd. USD und übertraf damit die Markterwartungen. Auch beim Gewinn je Aktie lag der Konzern über Konsens. Gleichwohl verlor die Aktie nachbörslich rund 2%. Der Markt stellt zunehmend die Frage, wie nachhaltig der aktuelle KI-Boom tatsächlich ist.

Der Hintergrund: Nvidia wird immer stärker zu einem Konzern, dessen Wachstum fast ausschließlich an den Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz gekoppelt ist. Das Rechenzentrums- und Netzwerkgeschäft dominiert inzwischen das operative Bild nahezu vollständig. Das klassische Grafikgeschäft für Gamer und Kreativanwendungen spielt dagegen nur noch eine Nebenrolle – sein Ergebnisanteil liegt laut Analyse nur noch bei rund 5%.

Die starke Dynamik bleibt zwar beeindruckend. Würde sich der aktuelle Trend fortsetzen, könnte Nvidia im Geschäftsjahr 2027 ein Umsatzwachstum von rund 152% erreichen. Beim Ergebnis je Aktie erscheinen rechnerisch sogar bis zu 220% möglich. Doch genau hier beginnt die Debatte.

Denn ein erheblicher Teil der Ertragsdynamik hängt inzwischen an Beteiligungen. Nvidia hält umfangreiche Positionen an KI-Unternehmen und Cloud-Plattformen – darunter Beteiligungen an OpenAI oder CoreWeave. Der Wert dieses Portfolios stieg binnen kurzer Zeit von rund 1 Mrd. USD auf zuletzt fast 16 Mrd. USD. Bereinigt um diese Bewertungseffekte fällt die operative Wachstumsdynamik deutlich nüchterner aus.

Parallel steigt die Abhängigkeit von wenigen Kunden. Im ersten Quartal entfielen fast zwei Drittel des Umsatzes auf lediglich drei direkte Großkunden. Regional verschiebt sich das Geschäft ebenfalls massiv: Während China und Taiwan früher fast die Hälfte der Erlöse repräsentierten, liegt ihr Anteil inzwischen nur noch bei gut einem Fünftel. Nvidia entwickelt sich damit zunehmend zu einem KI-Zulieferer amerikanischer Technologiekonzerne.

Zudem wächst der Wettbewerb. AMD greift verstärkt im Bereich KI-Chips an; gleichzeitig entwickeln große Kunden zunehmend eigene Spezialchips (ASICs), um Abhängigkeiten zu reduzieren. Damit entsteht genau jenes Risiko, das Technologieführer besonders ungern sehen: Kunden werden schrittweise zu Konkurrenten.

Nvidia auf Kurs, aber auch Fragezeichen sind vorhanden

CEO Jensen Huang versucht daher bereits das nächste Kapitel zu öffnen: „Agentic AI“. Gemeint sind autonome KI-Systeme und physische KI-Anwendungen etwa in Robotik oder industrieller Automatisierung. Nvidia richtet dafür sogar seine Berichtsstruktur neu aus und will neben klassischen Rechenzentren künftig stärker sogenannte Edge-Computing-Lösungen hervorheben.

Gleichzeitig versucht der Konzern, Investoren bei Laune zu halten: Im ersten Quartal kaufte Nvidia Aktien im Volumen von 20 Mrd. USD zurück; weitere 118,5 Mrd. USD stehen dafür bereit. Zudem steigt die Quartalsdividende um das 25fache.

Sandeep Rao, Leverage Shares

Unter dem Strich bleibt Nvidia die dominante Kraft im KI-Boom. Doch selbst Marktführer geraten unter Druck, wenn Konzentrationsrisiken steigen, Konkurrenz zunimmt und Investoren zunehmend hinter die Wachstumszahlen schauen.

*) Sandeep Rao ist Senior Analyst bei Leverage Shares und Income Shares. Sein Fokus liegt auf Technologieaktien, KI-Trends und globalen Kapitalmärkten.

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