
Experten uneins über Folgen steigender Energiepreise – Spannbreite reicht von moderatem Dämpfer bis zu spürbarem Inflationsschub durch einen Ölpreisschock
Die Eskalation im Nahen Osten und die Blockade der Straße von Hormus sorgen für erhebliche Unsicherheit an den Finanzmärkten. Einigkeit besteht unter Marktbeobachtern vor allem in einem Punkt: Der Ölpreis ist aktuell der zentrale Taktgeber für Inflation, Wachstum und Geldpolitik. In der Bewertung der mittel- bis langfristigen Folgen zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede.
Aus Sicht von Dr. Björn Ohl (apoBank) bleibt das makroökonomische Gesamtbild vergleichsweise stabil. Zwar rechnet er kurzfristig mit einem Ölpreis von rund 100 USD und erhöhter Volatilität, die Auswirkungen auf das Wachstum seien jedoch begrenzt. Für den Euroraum erwartet er lediglich einen Rückgang um 0,3 Prozentpunkte, für Deutschland um 0,2 Prozentpunkte. Selbst für die USA sieht Ohl trotz stärkerer Effekte keine Rezessionsgefahr. Auch die Inflation dürfte seiner Einschätzung nach nur temporär steigen, ohne die Kerninflation nachhaltig zu treiben – entsprechend seien keine grundlegenden Kursänderungen der Zentralbanken zu erwarten.
Deutlich vorsichtiger argumentiert hingegen Chris Iggo (BNP Paribas Asset Management). Er verweist auf historische Parallelen, wonach Energiepreisschocks häufig zu deutlich höherer Inflation und steigender Zinsvolatilität geführt haben. Je länger der Konflikt andauere, desto größer sei das Risiko steigender Risikoprämien, fallender Aktienmärkte und schwächerer Konjunktur. Zwar relativiert Iggo die Lage mit Blick auf eine geringere Energieintensität moderner Volkswirtschaften, sieht aber dennoch die Gefahr eines ‚zweiten Inflationsschocks‘ nach 2021/22.
Eine Zwischenposition nimmt François Rimeu (Crédit Mutuel Asset Management) ein, der den Fokus auf die geldpolitische Reaktion legt. Seiner Einschätzung nach werde die US-Notenbank zunächst abwartend agieren und den Leitzins stabil halten. Gleichzeitig könnten steigende Energiepreise und anhaltender Inflationsdruck dazu führen, dass Zinssenkungen weiter in die Zukunft verschoben werden. Während kurzfristige Preisschocks toleriert würden, bleibe die FED wachsam – insbesondere, falls sich Inflationserwartungen verfestigen sollten.
Auch bei der Bewertung der Marktauswirkungen zeigen sich Unterschiede: Während Ohl mittelfristig konstruktive Perspektiven für Aktienmärkte sieht, betont Iggo steigende Credit Spreads und anhaltende Risiken für risikobehaftete Assets. Einigkeit besteht jedoch darin, dass Anleihen im aktuellen Umfeld vergleichsweise stabil bleiben könnten – insbesondere bei hoher Bonität oder kurzer Duration.
Entscheidend für alle Szenarien bleibe die Dauer des Konflikts und die Entwicklung am Ölmarkt. Sollte sich die Lage kurzfristig entspannen und die Straße von Hormus wieder geöffnet werden, könnte sich auch der Inflationsdruck rasch abschwächen. Andernfalls drohen länger anhaltende Belastungen für Märkte und Konjunktur.
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