Wenn Rezessionssorgen und Erleichterungsrally konkurrieren

Aktien- und Anleihekurse reagieren empfindlicher und gleichgerichtet auf Wirtschaftsdaten – entweder Richtung Rezession oder Erleichterungsrally. Von Torsten Steinbrinker und Adrian Roestel*

An den Kapitalmärkten hat sich angesichts der nachlassenden Wachstumsdynamik ein neues Paradigma etabliert: Anleger, Zentralbanker und Politiker konzentrieren sich nun stärker auf das Wirtschaftswachstum anstatt auf die Inflation. Diese Verschiebung hat Folgen: Früher wurden schwache Konjunkturdaten als positiv gewertet, da sie den Inflationsdruck minderten und Zinssenkungen wahrscheinlicher machten. Heute schüren solche Daten jedoch Sorgen um die wirtschaftliche Stabilität, was die Stimmung der Anleger beeinträchtigt und zu stärkeren Schwankungen an den Märkten führt.

Aktien- und Anleihekurse reagieren nun empfindlicher und gleichgerichtet auf Wirtschaftsdaten, da sich die Anleger der Bedeutung einer ‚weichen Landung‘, der milden Verlangsamung des globalen Wachstums, bewusst sind. Schon kleine Veränderungen lösen je nach Couleur Rezessionsängste oder massive Erleichterungsrallys aus, obwohl das Gesamtbild weiterhin von einem moderaten, gleichwohl stabilen Wachstum geprägt ist.

Rezession oder Erleichterungsrally?

Rezession oder Erleichterungsrally?

Diese neue Nervosität spiegelt sich auch in der sektoralen Entwicklung wider. Seit Beginn des zweiten Halbjahres haben viele zuvor vernachlässigte Substanzwerte die früheren Wachstumsfavoriten übertroffen. Defensive Sektoren wie Basiskonsumgüter, Versorger, Gesundheit/Pharma und Telekommunikation gewinnen wieder an Stärke. Gleichzeitig weicht die Euphorie um künstliche Intelligenz einer realistischeren Sichtweise, was die Technologieunternehmen belastet. So hat Goldman Sachs kürzlich seine Prognose zu den positiven Auswirkungen generativer KI auf das Wirtschaftswachstum und die Produktivität deutlich nach unten korrigiert.

Anleger reagieren darauf, indem sie ihre Portfolios von zyklischen und hoch bewerteten Wachstumswerten in sichere Häfen umschichten, die sich auch in konjunkturell schwächeren Zeiten bewähren. Angesichts der wirtschaftlichen, geldpolitischen und politischen Unsicherheiten erwarten wir, dass diese Sektorrotation bis zur US-Präsidentschaftswahl anhält. In der Vergangenheit haben defensive Werte zyklische Titel bis zum Wahlausgang deutlich übertroffen. Besonders der Gesundheitssektor erscheint uns attraktiv, da er langfristig von einer alternden Bevölkerung, der steigenden Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen sowie sinkenden Finanzierungskosten und Fortschritten im Bereich der künstlichen Intelligenz profitiert. Daher gewichten wir diesen Sektor überproportional. […]

Trotz dieser Herausforderungen erwarten wir in den nächsten Quartalen keine Rezession in den USA oder global. Die Bilanzen von Unternehmen und Haushalten sind gesund, die Einkommen und Margen steigen, und die Belastung durch steigende Preise lässt nach.

*) Torsten Steinbrinker ist CEO, Adrian Roestel Leiter Portfoliomanagement der Reichmuth Integrale Vermögensverwaltung AG.

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