Deutschland hat die Wahl: Klemme zwischen Reformbedarf und Investitionspotenzial

Schulden allein lösen die strukturellen Probleme in Deutschland nicht. Aber das Land hat große fiskalische Spielräume – die es jedoch nicht wirklich nutzt. Von Maximilian Wienke*

Deutschland wirkt wie ein Paradox: Ressourcen und Know-how sind reichlich vorhanden, doch unzureichende Rahmenbedingungen bremsen das Wachstum und erschweren ein Ende der Krise. Ein wirtschaftliches Sanierungsprogramm ist dringend nötig. Vor der Bundestagswahl lohnt sich ein Blick durch die ökonomische Brille – und worauf Anleger bei der nächsten Regierung achten sollten.

Bundestagswahl dürfte die Märkte kaum bewegen

Deutschland hat noch Puffer und Reserven

Die Bundestagswahl 2025 dürfte bereits weitgehend in den Kursen eingepreist sein. Investoren analysieren die politischen Entwicklungen seit Monaten, und die Finanzmärkte reagieren nicht erst am Wahltag, sondern antizipieren Veränderungen frühzeitig. […]

Besonders spannend sind drei Fragen: Wie stark wird die CDU/CSU abschneiden, welchen Koalitionspartner wird sie wählen, und reicht ein einzelner Partner für eine Regierungsbildung? Da Friedrich Merz eine Koalition mit der AfD ausschließt, könnte die Bundestagswahl in vier Jahren deutlich spannender werden – vor allem, wenn die AfD weiter an Zuspruch gewinnt. […] […] Bemerkenswert: Deutschland ist in unserem Vergleich das einzige Land mit einer rückläufigen Schuldenquote in den letzten 20 Jahren.

[…] Globale Schwergewichte wie SAP, Siemens und Infineon profitieren von Megatrends wie Digitalisierung, Automatisierung und erneuerbaren Energien. Wer ein realistisches Bild der deutschen Wirtschaftslage will, sollte auf MDAX und SDAX blicken.

Mittelständische Unternehmen sind stark vom Inlandsgeschäft abhängig und spiegeln die wirtschaftliche Schwäche deutlich besser wider. Beide Indizes liegen weit unter ihren Rekordhochs und haben in den letzten zwölf Monaten nur einen Bruchteil der DAX-Performance erreicht. […]

Gedankenexperiment

Im Jahr 2023 betrug das deutsche BIP rund 4,19 Bio. EUR. Eine Erhöhung der Schuldenquote um nur einen Prozentpunkt würde 41,9 Mrd. EUR freisetzen. Bei zehn Prozentpunkten wären es 419 Mrd. EUR, nahezu der gesamte Bundeshaushalt 2024 mit 465,7 Milliarden Euro. Um eine Schuldenquote von 101% wie Großbritannien – den vorletzten Platz im Vergleich – zu erreichen, müsste Deutschland rund 1,59 Bio. EUR zusätzliche Schulden aufnehmen. Selbst ein Bruchteil dieser Summe könnte jedoch genutzt werden, um dringend notwendige Investitionen anzustoßen, ohne die langfristige Stabilität der Staatsfinanzen zu gefährden. […]

Fazit

Maximilian Wienke

Schulden allein lösen die strukturellen Probleme Deutschlands nicht. Doch im internationalen Vergleich verfügt Deutschland über große fiskalische Spielräume, um Wachstum zu fördern und Krisen abzufedern – nutzt diese Möglichkeiten bislang jedoch kaum. […]

*) Maximilian Wienke ist Marktanalyst bei eToro

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