Warum die Börse trotz Krisen weiter steigt

Hohe Zinsen, teures Öl und gewaltiger Kapitalbedarf treffen auf kräftiges Gewinnwachstum. Lukas Kreß setzt weiter auf die Börse.

Die Straße von Hormus monatelang dicht, Öl immer wieder über 100 USD und Notenbanken, die die Zinsen erhöhen. Die Marktrenditen steigen weltweit – doch die Aktienmärkte halten sich nahe ihrer Höchststände. Für Lukas Kreß von Castell ist das kein neues 2022: Anders als damals wächst die Wirtschaft nicht aus einer Rezession heraus, während die Unternehmensgewinne kräftig zulegen.

Nach Corona traf eine starke Nachfrage auf gestörte Lieferketten. Der Russland-Ukraine-Krieg trieb die Energiepreise zusätzlich nach oben, die Inflation stieg in Europa auf rund 10%. Die Notenbanken mussten nachziehen: Die EZB erhöhte die Zinsen um 450 Basispunkte, die US-amerikanische FED um 525 Basispunkte.

Nicht nur am kurzen, sondern auch am langen Ende steigen die Anleiherenditen. Dahinter steht der enorme Kapitalbedarf der Staaten: Die US-Schulden überschritten im September 40 Bio. USD. Auch Frankreich muss sich inzwischen teurer refinanzieren als Italien, Griechenland oder Spanien.

Dieser Bulle macht keine Kompromisse: An der Börse steht der Bulle für steigende Kurse.

Dieser Bulle macht keine Kompromisse: An der Börse steht der Bulle für steigende Kurse.

Zusätzlichen Finanzierungsbedarf erzeugt der KI-Boom. Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle wollen 2027 laut Analystenschätzungen zusammen mindestens 1,2 Bio. USD investieren. Einen Teil davon müssen selbst diese Gewinnmaschinen über die Kapitalmärkte finanzieren. Mehr Kapitalnachfrage treibt die Renditen. Lange Staatsanleihen mit 4 bis 5% wirken attraktiv, doch Castell bevorzugt bei Anleihen hohe Bonität und kurze Laufzeiten.

Im zweiten Quartal stiegen die Unternehmensgewinne in den USA um gut 33%, in Europa um 24%. Für das dritte Quartal erwarten Analysten erneut kräftige Zuwächse. Solche Wachstumsraten sind historisch eher aus Erholungsphasen nach Rezessionen bekannt. Diesmal bleiben sie trotz ausbleibender Rezession hoch – ein wesentlicher Grund, warum Aktien die höheren Zinsen bislang gut verkraften.

Castell verabschiedet sich vom starren 60/40-Portfolio und steuert Aktien- und Anleihequoten dynamischer. Im Aktienbereich liegen die Schwerpunkte auf Banken, Industrie- und Rohstoffwerten sowie Zulieferern des KI-Ausbaus. Gold und andere Sachwerte dienen als Absicherung gegen geopolitische Risiken. Liquidität bleibt ebenfalls wichtig: Sie bringt knapp 3% und schafft Spielraum, Rücksetzer für Zukäufe zu nutzen.

Ein mögliches Positivszenario wären eine berechenbarere US-Politik, Fortschritte im Ukraine-Krieg und eine Beruhigung im Nahen Osten. Sinkende Ölpreise könnten die Inflation dämpfen und weitere Zinserhöhungen überflüssig machen. Gleichzeitig liefe der KI-Investitionszyklus weiter. Besonders Europa könnte von günstigeren Energiepreisen und dem Wiederaufbau der Ukraine profitieren. Dessen Investitionsbedarf wird von Weltbank, EU und Vereinten Nationen auf rund 590 Mrd. USD über zehn Jahre geschätzt.

Das ist nicht das Basisszenario. Aber wer erst einsteigt, wenn sich die Lage aufhellt, könnte den Aufschwung verpassen. Castell bleibt deshalb investiert und hält Liquidität für Gelegenheiten bereit.

Lukas Kreß ist Kapitalmarktexperte bei der Fürstlich Castell’schen Bank.

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