
Der Standpunkt von Kai Jordan, Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank AG, über Deutschlands Chancen und Risiken im globalen KI-Wettlauf.
Dieses Zitat von Joe Kaeser ist in Zeiten der permanenten Transformation zur absoluten Maxime geworden. Aber wissen wir in Deutschland aktuell überhaupt noch, wohin wir rennen?
Als das Handelsblatt Mitte Oktober meldete, dass die Bundesregierung eine KI-Kooperation mit Nvidia für 300 Mio. EUR Anschubfinanzierung plant, lästerten wir zunächst uninformiert: „Dafür geht bei Nvidia bestenfalls der Pförtner ans Telefon.“ Wir lagen kolossal schief. Denn es hob nicht der Pförtner ab – Nvidia-Chef Jensen Huang kam persönlich nach Berlin. Und er hatte Bedingungen im Gepäck.
Unter anderem nahm er an dem von der Bundesregierung organisierten „Invest Germany Summit“ teil. Dort hat er den Verantwortlichen hierzulande eine ordentliche Ohrfeige verpasst („Es schmerzt zu sehen, wie weit das Land zurückgefallen ist“), lobte aber zeitgleich die deutsche Ingenieurskunst und forderte die Verantwortlichen auf: „Just get to work!“
Auf dieser Veranstaltung, die rund 200 Investoren aus aller Herren Länder besucht haben, hat der ansonsten zu Recht gescholtene Kanzler zumindest auf den ersten Blick eine sehr gute Figur abgegeben. Das liegt nahe, denn mit seiner Vita, insbesondere als Aufsichtsrat von BlackRock, ist das Vollbad in Unternehmen und Investoren eine Bühne, die der Mann beherrscht und versteht.
Um es klar zu sagen – dem Grunde nach feiern wir eine derartige Veranstaltung. Es ist ein Ansatz, über das stetig abnehmende Investitionsvolumen in Deutschland hinwegzukommen und die Regierung in den Dialog zu bringen, um vielleicht irgendwann mal zu verstehen, woran es eigentlich hapert. Und wenn sie zugehört haben, dann könnte es durchaus gelungen sein:
Denn am Ende wurden – wir schreiben mal vorsichtig „bis zu“ 230 Mrd. EUR an Investitionen angekündigt. Ob diese Summe ausschließlich frische Planungen beinhaltet, wird vielerorts bezweifelt.
Dass die Materialisierung dieser „Zusagen“ zum größten Teil an Bedingungen geknüpft ist, die Deutschland als Vorleistung erfüllen müsste, kam ans Tageslicht. Ob das mit dieser Regierungskoalition zu schaffen ist, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Es geht um nichts Geringeres als drei Mindestbedingungen:
– Im Talk mit Huang mahnte der Kanzler die Zustimmung Jensens zu der These an, dass KI selbstverständlich reguliert werden müsse. Dieser antwortete sinngemäß: „Man müsse erst mal etwas haben, was man regulieren könne.“ Erst muss die Industrie wachsen, dann kann man die Anwendungen regulieren und nie die Technologie selbst.
Unsere Meinung: Der Mann hat recht.
– Teure Maschinen würden allein die Wende nicht bringen. Diese müssten rund um die Uhr laufen, was eine Entkoppelung von Arbeitszeiten und Maschinenlaufzeiten bedeuten würde.
Unsere Meinung: Ob das vor allem die Gewerkschaften mitmachen oder die im Dauerwahlkampf befindliche Politik, kann sich ebenfalls jeder selbst ausrechnen. Und es braucht dann eben nicht nur platte Beschimpfungen an den Wähler, er arbeite zu wenig. Es braucht geeignete und ausgewogene Lösungen. Und Führung!
– Deutschland muss die Energiekosten senken. Denn nicht nur Bürger und Industrie ächzen unter den Energiekosten. Die kommenden KI-Rechenzentren werden eine Menge Strom fressen.
Unsere Meinung: Konstant in die falsche Richtung rennt hier das BMWi. Eine sture Rückkehr in die fossile Steinzeit zugunsten von Abhängigkeiten schafft schon jetzt den Boden für irreparable Schäden.
Ein Beispiel hierfür ist die Situation rund um die Neufassung des WindSeeG. Nachdem der Staat großen Projektentwicklern wie BP oder TotalEnergies bereits enorme Summen für Windparkflächen in den Ausschreibungen abgeknöpft hat, wollen diese vielfach den Ausbau nicht mehr beginnen, da sich die Wirtschaftlichkeit aus deren Sicht so nicht erreichen lässt. Gleichwohl gibt es kleinere und weitere Anbieter, die hier einsteigen wollen, aber das BMWi verweigerte bisher für die Neufassung des Gesetzes die Übertragungsmöglichkeiten, da man die Ausschreibungsdisziplin behalten wolle. So drohen Deutschland sogenannte „Zombie-Windparks“.
Laut Bundesverband Windenergie Offshore ist ein Projekt- und Beschaffungsvolumen von bis zu 50 Mrd. EUR in Gefahr. Zudem droht ein bereits einsetzender Arbeitsplatzabbau in der Zulieferindustrie.
Hier würden wir über den Wegfall von 25.000 bis 30.000 Arbeitsplätzen reden. Und die Windenergie folgt dann langsam dem Transfer der Solarindustrie – ab nach China.
Kannste Dir nicht ausdenken. Und man muss kein Grüner sein, um das zu kritisieren. Auch die CDU/CSU und SPD haben hier durchaus Kompetenz an Bord.
In einem Brandbrief an Bundeskanzler Friedrich Merz äußert Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther scharfe Kritik an den Reformplänen von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche zur EEG-Novelle und zum Netzpaket.
Diesem Inhalt sind nunmehr die Länderchefs Lies (Niedersachsen), Söder (Bayern), Özdemir (BaWü), Günther (SH), Rehlinger (Saarland), Tschentscher (HH), Schwesig (MeckPomm) und Bovenschulte (Bremen) mit einem weiteren gemeinsamen Brief an das Wirtschaftsministerium beigetreten und kritisieren „falsche ordnungs- und industriepolitische Entscheidungen, die einer Deindustrialisierung Vorschub leisten“. Was die Ministerin treibt, versteht so langsam niemand mehr. Ob es mit ihrer vergangenen oder künftigen Vita zu tun hat oder bereits eine Positionierung für künftige politische Mehrheiten ist, bleibt ein Geheimnis.
Und es scheint, als könnte manchmal noch die Vernunft über Dogmatismus siegen. Die Ministerin muss auch hier einlenken. „Sollte sich bei einzelnen Vorhaben herausstellen, dass sie wirtschaftlich nicht mehr umsetzbar seien, solle eine ‚geordnete Rückgabe und Neuvergabe‘ ermöglicht werden – ohne die Unternehmen aus ihren finanziellen Verpflichtungen zu entlassen“, sagte sie gerade der dpa.
Warum also reisen hier so namhafte Protagonisten wie Huang oder Larry Fink von BlackRock nach Deutschland, um bedingte Investitionsversprechen abzugeben und zum Teil die ebenfalls unbestrittenen Vorteile Deutschlands in den Himmel zu heben?
Die kurze Antwort: wegen unserer Daten. Um das zu verstehen, muss man die Entwicklung bei der künstlichen Intelligenz kennen. Die erste KI-Welle mit den Sprachmodellen (LLMs) haben Deutschland und Europa bis auf wenige Ausnahmen verpennt. Jetzt geht es um Welle 2 – die physische KI, also KI, die Maschinen, Fabriken und Fahrzeuge versteht und steuert.
Nachdem die LLMs der ersten KI-Welle durch im Internet verfügbare Informationen und die Erkenntnisse durch die Nutzung trainiert wurden, benötigt man für die physische KI echte Daten, Patente und Industriewissen.
Deutschland besitzt hierzu riesige Datenschätze aus jahrzehntelanger Maschinenbau-, Chemie- und Automobilhistorie (Telemetriedaten, Wartungszyklen, physikalische Belastungsgrenzen).
Fehlt deutschen Unternehmen jedoch die eigene Recheninfrastruktur oder das Software-Know-how, müssen sie ihre Daten in die Clouds der US-Hyperscaler (wie AWS oder Microsoft) hochladen, um sie dort analysieren und mittels ausländischer KI-Modelle verarbeiten zu lassen.
Sobald diese industriellen Datenschätze einmal durch US-Modelle geflossen sind, fließen (vermutlich) die dort extrahierten mathematischen Muster und physikalischen Logiken in den Besitz der Tech-Konzerne über.
Beispiele, die hier Beachtung finden sollten, sind das Start-up-Projekt Prometheus, dessen Strategie in der zweiten Welle die physische KI ist, viele Daten auf der Welt einzukaufen. Nvidia verfolgt ebenfalls in Deutschland Projekte mit Siemens, Audi, Mercedes oder dem Freiburger Leuchtturm-KI-Start-up Black Forest Labs. Lohnt sich, diese Dinge mal zu googeln.
Vermutlich hat Deutschland aufgrund seiner rückständigen Position derzeit keine Alternative mehr, um noch anderweitig auf die Welle zu kommen, und wird davon trotzdem in einem ordentlichen Maße profitieren können. Eine Meisterleistung, diese Investitionsvorhaben nach Deutschland zu holen, ist es aber im Angesicht der Realitäten zunächst nur bedingt. Eher kommen die Investoren eben auch zum Know-how-Transfer und transferieren damit einen wichtigen Teil der Wertschöpfung nach Übersee.
Aber ohne die US-Rechenleistung und deren Plattformen würden die deutschen Daten ungenutzt auf lokalen Servern verstauben. Es ist eine Gratwanderung zwischen Know-how-Abfluss und der überhaupt erst möglichen Modernisierung.
Spannend auch: Die Chemieindustrie hat nahezu komplett Zusagen abgelehnt. Ausnahme Sanofi, die aber wohl gerade reichlich Förderung vom Bund und Hessen bekommt. Talking your book!
Auf dem Summit hielt der Kanzler dann eine Rede, in der er Deutschlands Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit als ein Umfeld angepriesen hat, das Investoren lieben. Aber bei Merzens Bemerkung „Wenn wir Deutsche um 19 Uhr zum Essen eingeladen sind, dann kommen wir um 18:58 Uhr“, sind wir dann wieder ins Lästern zurückgefallen. Der Mann hat vermutlich schon sehr lange nicht mehr in einem Zug der Deutschen Bahn gesessen.
Zur mwb
Die mwb fairtrade Wertpapierhandelsbank AG ist ein von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zugelassener Wertpapierdienstleister mit Niederlassungen in Gräfelfing bei München, Hamburg, Hannover, Frankfurt und Berlin. Das Unternehmen wurde 1993 gegründet. 1999 erfolgte der Börsengang. Heute ist die mwb-Aktie (DE000 A3EYLC 7) an der Börse München im Segment m:access notiert wie auch im Freiverkehr an den Börsen Berlin, Düsseldorf, Frankfurt (Basic Board), Hamburg und Stuttgart. Die mwb ist in zwei Geschäftsbereichen aktiv: Wertpapierhandel und Corporates & Markets. Dienstleistungen umfassen Emissionsberatung & Listings, Zahlstellenfunktion, Designated Sponsoring und institutionelle Kundenbetreuung. Im Wertpapierhandel betreut mwb gut 55.000 Orderbücher für deutsche und internationale Wertpapiere. Dabei handelt es sich sowohl um Aktien als auch um festverzinsliche Wertpapiere und offene Investmentfonds. Damit ist mwb einer der größten Skontroführer in Deutschland.
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