Verkehrte Welt: wo nur die Türkei Europameister ist – und Deutschland abgeschlagen

An diesem Freitag startet die Fußball-Europameisterschaft – Frankreich ist favorisiert. An den Börsen sieht das anders aus: Da ist die Türkei Europameister.

Die Hamburger Sutor Bank hat sich die Frage gestellt, wer Börsen-Europameister ist. Dazu hat sie die Performance der teilnehmenden EM-Länder im Zeitraum von der letzten EM bis heute miteinander verglichen. Das Ergebnis: Börsen-Europameister in dem Zeitraum ist die Türkei, vor Dänemark und Italien.

Für Anlegerinnen und Anleger gibt es nach Ansicht von Mathias Beil, Leiter Private Banking der Hamburger Sutor Bank, allerdings einiges zu beachten. Für die Türkei sei der Titel eher schmeichelhaft angesichts der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Deutschland liegt im Börsen-Ranking abgeschlagen an viertletzter Position.

Einige Länder blieben bei der Auswertung mangels verfügbarer Daten unberücksichtigt. Schottland und England wurden zu Großbritannien zusammengefasst. Insgesamt sind 15 Länder in der Auswertung vertreten.

Platz 1: Türkei weit vorne – doch Wirtschaft auf wackeligen Beinen

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Mit knapp 113% hat der türkische Aktienmarkt im Vergleich der bei der EM teilnehmenden Länder am besten abgeschnitten. Allerdings täuscht diese Entwicklung über die wahre Situation der türkischen Wirtschaft hinweg. „Aus Anlegersicht ist die Türkei mit großer Vorsicht zu genießen. Zwar konnten einige Unternehmen wie etwa die Fluglinie Turkish Airlines aufgrund gestiegener Nachfrage nach der Corona-Pandemie deutliche Zugewinne erzielen. Doch gleichzeitig kämpft das Land mit sehr hoher Inflation und einer stark abgewerteten türkischen Lira“, so Mathias Beil. […]

Platz 2: Dänemark mit ‚Ausnahmespieler‘ an der Börse

Beim Zweitplatzierten Dänemark mit rund 59% Wertentwicklung ist der Fall anders gelagert. „Dänemark hat eine robuste Wirtschaft, mit niedriger Arbeitslosigkeit und hohen Haushaltseinkommen. Viele dänische Unternehmen sind in globalen Wachstumssektoren tätig, wie zum Beispiel erneuerbare Energien, Biotechnologie und Pharmazeutika“, erklärt Beil.

Europameister Türkei - nur an der Börse, vor Abzug der ultrahohen Inflation

Europameister Türkei – nur an der Börse, vor Abzug der ultrahohen Inflation

Allerdings lässt sich die gute Entwicklung Dänemarks primär mit einem Wert, dem Pharmaunternehmen Novo Nordisk, erklären. Die Firma, die weltweit führend in der Behandlung von Diabetes und anderen chronischen Krankheiten ist, hat auf Sicht von drei Jahren eine Performance von rund 280% an der Börse erzielt. „Das Beispiel Dänemark zeigt, dass ein ‚Ausnahmespieler‘ in einem kleineren Land sehr viel bewirken kann. Das gilt für die Aktienperformance einerseits im positiven Sinne, aber es kann eben auch die Gesamtperformance eines Landes nach unten reißen, wenn es mal schlecht läuft“, warnt Beil.

Deutschland im Börsenvergleich abgeschlagen

Und wo steht Deutschland im Börsenvergleich? Mit -1% auf Drei-Jahres-Sicht ist Deutschland weit abgeschlagen – nur Belgien, Ungarn und Portugal performten noch schlechter. Beil sieht mehrere Faktoren als Ursache für das schlechte Abschneiden Deutschlands: „Deutschland ist stark abhängig von Industriewerten, insbesondere der Automobilindustrie und dem Maschinenbau. Diese Sektoren hatten in den letzten Jahren einige Schwierigkeiten gehabt. Steigende Energiepreise haben zudem die Produktionskosten in Deutschland, das stark von Energieimporten abhängig ist, massiv erhöht. Auch der Technologiesektor ist hierzulande verhältnismäßig klein, verglichen etwa mit skandinavischen Ländern“. Diese Faktoren hätten sich auch am Aktienmarkt bemerkbar gemacht.

Mathias Beil, Sutor Bank

Am Ende liegt die Wahrheit auf dem Platz – oder an der Börse

Das Fazit aus der Auswertung? „Man muss genau hinsehen, auf welches Börsen-Team man künftig setzt. Es zeigt sich, dass manche Börse sehr abhängig ist von einzelnen Werten, zudem sollte man die Rahmenbedingungen wie etwa in der Türkei stets im Auge haben“. Die beste Börsenstrategie ist und bleibt, Anlagen breit über verschiedene Länder und Branchen zu streuen. Denn letztlich sind die Börsengewinner von morgen genauso schwer vorherzusehen wie der Fußball-Europameister 2024. Am Ende liegt die Wahrheit also auf dem Platz – oder an der Börse.

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