
Russland kappt sein Internet, erhöht den Druck auf Firmen – die Fassade wirkt stabil, doch darunter bröckelt das System zusehends.
Alexander Kolyandr* und Alexandra Prokopenko* von The Bell
Der massive Shutdown in Moskau – drei Wochen ohne mobiles Internet sowie Einschränkungen beim ohnehin ungeliebten Telegram – offenbart die Machtverhältnisse in Russland. Entscheidungen liegen klar bei den Sicherheitsdiensten, während Unternehmen und Bürger die Kosten tragen. Die frühere Übereinkunft – Loyalität gegen Stabilität – ist spätestens seit 2022 Geschichte. Dennoch bleibt politischer Widerstand aus: Die Fassade der Stabilität hält, wenn auch zunehmend brüchig.
Parallel sendet Wladimir Putin widersprüchliche Signale. Öffentlich mahnt er zur Vorsicht, intern erhöht er den Druck auf die Wirtschaft, sich stärker zu engagieren. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: mehr Unsicherheit, weniger Planbarkeit – ein toxisches Umfeld für Investitionen. Vor dem Verband Industriellen und Unternehmer, den wichtigsten Wirtschaftsführern des Landes – sprich: vor den Oligarchen seiner Gnaden – bat Putin diese höflich um Spenden für die russische Kriegswirtschaft. Den Wink hat ein Jeder klar verstanden: Das war natürlich keine Bitte.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Etwas über die Hälfte der Unternehmer erwarten eine Verschlechterung ihrer Lage, nur 12% hoffen auf Besserung. Gleichzeitig haben fast ein Drittel ihr Geschäft bereits geschlossen oder verkauft. 39% berichten von Umsatzrückgängen, ebenso viele operieren im Überlebensmodus. Der Shutdown ist damit nicht nur ein digitales, sondern auch ein wirtschaftliches Warnsignal.
Besonders sichtbar wird die Krise im Einzelhandel: Die Expansion bricht ein. Die 200 größten Händler eröffneten lediglich 952 neue Läden – ein drastischer Rückgang. Gleichzeitig hat sich die Amortisationszeit von sechs auf zwölf Monate verdoppelt. Hohe Kosten und schwache Nachfrage machen neue Projekte unattraktiv. Discounter gewinnen an Bedeutung – ein klares Indiz für die weiter sinkende Kaufkraft der breiten Bevölkerung.
Der Staat reagiert mit wachsendem Druck auf Unternehmen, um Steuereinnahmen zu sichern. Doch das birgt Risiken: Je höher die Belastung, desto schneller schrumpft die Basis – Firmen schließen, wechseln in die Schattenwirtschaft oder verschwinden ganz. Der Internet-Shutdown steht damit sinnbildlich für ein System, das zunehmend die Kontrolle über ihre Kontrolle verliert.
Fazit
Russland wirkt (noch) stabil, doch die wirtschaftlichen und strukturellen Risse werden größer. Sollte der Ölsektor erst wieder an Dynamik verlieren, dürfte die Schwäche des zivilen Sektors weiter offen zutage treten.
*) Alexander Kolyandr ist Finanzanalyst und Senior Fellow am CEPA sowie ehemaliger Manager bei Crédit Suisse. Alexandra Prokopenko ist unabhängige Analystin und war Beraterin der russischen Zentralbank. Beide verfassen Meinungsartikel für The Bell, einem führenden unabhängigen russischen Wirtschaftsnachrichtendienst. 2022 stuften die russischen Behörden sowohl The Bell als auch ihre Gründer als ‚ausländische Agenten‘ ein und sperrten im Jahr darauf den Zugang zur Website in Russland.
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