
Die Aktien-Bullenmärkte der letzten 125 Jahre in den USA haben im Schnitt vier Jahre gedauert und jeweils Kurszuwächse von 135% gebracht. Der aktuelle Bullenmarkt läuft seit 2022 und hat bisher 110% Rendite geliefert (Quelle: Taunus Trust). Ist also das Ende nahe, wie die wenigen verbliebenen „Crashpropheten“ vermuten? So einfach ist es nicht! Die aktuelle Berichtssaison für das 2. Quartal 2026 zeichnet jedenfalls weltweit ein ganz anderes Bild. Der aktuelle Marktkommentar von Dr. Manfred Schlumberger, Leiter Kapitalmarktanalyse, Fürstlich Castell’sche Bank:
Gewinnhausse 2026
Die Gewinne pro Aktie sind beim breiten weltweiten Aktienindex MSCI Welt (All Country) im 2. Quartal 2026 um 39% gestiegen – nach 26% im 1. Quartal – wie immer im Jahresvergleich. In den USA stiegen sie um 34% und selbst im wirtschaftlich schwächelnden Europa um 22%. Treiber waren die Investitionen in künstliche Intelligenz (KI), ein zyklischer Aufschwung im industriellen Sektor, der sich in den Einkaufsmanagerindizes manifestiert, und Preisanstiege bei Energie und anderen Rohstoffen infolge des Irankriegs. Der Technologiesektor mit einem Gewinnzuwachs von 108%, Energie mit 86% und Grundstoffe mit 67% schossen im 2. Quartal gewissermaßen die Lichter aus. Aber auch die anderen Branchen lieferten positive Zahlen: Industrie mit 28%, Finanzwerte mit 19% und selbst das Gesundheitswesen mit 15% im Jahresvergleich. Beim S&P 500 in den USA liegt die durchschnittliche Gewinnmarge der Unternehmen bei 17%. Wegen der sprudelnden Gewinne liegt das KGV auf Basis der erwarteten Profite bei lediglich 20. Bei solchen Gewinnen fällt es schwer, nach „Haaren in der Suppe“ zu suchen.
KI-Investitionen treiben Verschuldung
Die Investitionsausgaben der fünf Technologiekonzerne Alphabet, Amazon, Microsoft, Meta und Oracle sind von 98 Mrd. USD in 2020 auf 722 Mrd. USD in diesem Jahr gestiegen. Nächstes Jahr planen diese Unternehmen mit 900 Mrd. USD. Die Finanzierung dieser Investitionen frisst zunehmend den enormen freien Cashflow (FCF) dieser Firmen auf. Alphabet und Amazon weisen bereits einen negativen FCF auf, bei Meta sank er um fast 90%, nur Microsoft hält sich noch im positiven Bereich. Entsprechend schrauben diese Unternehmen bereits ihre Verschuldung kräftig nach oben. Alphabet nahm bereits im Juni eine Rekord-Kapitalerhöhung in Höhe von 85 Mrd. USD vor. Das Volumen der jährlich begebenen Unternehmensanleihen im Investment-Grade-Bereich (Top Ranking) lag lange Zeit bei rund 500 Mrd. USD. Aktuell bewegen wir uns auf Volumina von über 1 Bio. USD zu. Entsprechend stiegen die Zinsaufschläge bei diesen Anleihen ebenso wie die Versicherungsraten für Kreditausfälle (Credit Default Swaps). Ein besonders abschreckendes Beispiel liefert hier Oracle (Rating nur noch bei BBB-). Die offiziell ausgewiesenen Bilanzschulden der fünf Konzerne mit 725 Mrd. USD sind jedoch nur die halbe Wahrheit. Laut dem Finanzdienst „Nikkei Asia“ liegen die versteckten außerbilanziellen „Schattenschulden“ bei 1,65 Bio. USD. Diese Summe hat sich in den letzten vier Jahren verachtfacht und übersteigt zwischenzeitlich die regulären Bilanzschulden. Diese Verpflichtungen resultieren in erster Linie aus langfristigen Rechenzentrums-Leasingverträgen mit Laufzeiten von über 15 Jahren sowie festen Abnahmeverpflichtungen für KI-Chips. Ein kleiner Teil dieser außerbilanziellen Schulden wird über spezielle Zweckgesellschaften aufgebracht, zumeist von privaten Kreditfonds.
Risiko steigender Zinsen
Die Straße von Hormus stand gefühlt bereits hundertmal kurz vor der vollständigen Öffnung. Zwar ist nicht auszuschließen, dass sie eines Tages tatsächlich offen ist, aber aktuell spricht noch einiges dagegen. Die Iraner nutzen die Schwäche der USA gnadenlos aus und verlangen Kriegsentschädigungen, die Trump ohne totalen Gesichtsverlust niemals akzeptieren kann. Insofern bleiben die Lieferketten aus Asien möglicherweise länger gestört. Folge können wieder steigende Energie- und andere Rohstoffpreise sein. Dies würde die Inflationsraten weiter auf erhöhten Niveaus halten: In den USA bei um die 4% und in Europa um die 3%. Dies könnte die Fed in den USA trotz des Widerstands des Präsidenten und seines Zentralbankchefs zwingen, die Leitzinsen zu erhöhen. Die EZB scheint unabhängig davon einen weiteren Zinsschritt im Jahresverlauf in Angriff zu nehmen. Gemeinsam mit höheren Zinsaufschlägen für die großen Technologiekonzerne erhöht dies deren Verschuldung zusätzlich und mindert die Gewinne.
Zirkuläre Verbindungen
Neben den langfristigen Leasingverträgen sind viele KI-Unternehmen auch über Beteiligungen, Bürgschaften und Vorabfinanzierungen miteinander verbunden. Die Erträge aus Unternehmensbeteiligungen lagen bei Alphabet, Amazon, Microsoft und Meta zuletzt bei 200 Mrd. USD als unrealisierte Buchgewinne. Dies entspricht fast der Hälfte der aggregierten Nettogewinne von 380 Mrd. USD. Die bilanzielle Berücksichtigung entspricht der Rechnungslegung nach US-GAAP: Beteiligungen bis 20% müssen zum aktuellen Kurs am Bilanzstichtag berücksichtigt werden. Der bilanzielle Wert dieser Beteiligungen hängt an der Marktbewertung von Unternehmen wie SpaceX, Open AI und Anthropic, die von Gewinnausweisen noch weit entfernt sind. Bei SpaceX kann man sogar von „stellaren“ Entfernungen sprechen. Alphabet weist auf Basis der erwarteten Gewinne der nächsten 12 Monate ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19 auf. Ohne Berücksichtigung der Beteiligungsgewinne läge es bei 35.
Zu niedrige Abschreibungen
Die vier großen Hyperscaler (Cloud-Anbieter) tätigten im 1. Halbjahr 2026 Abschreibungen in Höhe von lediglich 42 Mrd. USD. Die teuren Speicherchips werden in der Regel über 5 bis 7 Jahre abgeschrieben. Angesichts der rasanten Entwicklung wären hier definitiv kürzere Fristen angesagt. Auch dieser Umstand könnte die Gewinnausweise der Hyperscaler deutlich reduzieren.
“The winner takes it all!”
Entscheidend bleibt jedoch die Frage, ob es den großen Technologiekonzernen gelingen wird, ihre gewaltigen Investitionen jemals zu „monetarisieren“. Welches US-Unternehmen wird die Super-KI entwickeln und die Monopolrendite einstreichen? Wie schnell geht der Vorsprung wieder verloren? Oder wird es gar ein chinesisches Unternehmen sein?
Risikostreuung angesagt!
Angesichts der trotz aller Einschränkungen enormen Gewinne dieser Unternehmen kommt man um Investments in diesen Aktien kaum herum. Dennoch ist eine Untergewichtung gegenüber den gängigen Indizes wie den S&P 500 oder den MSCI-Welt angesagt. Spannender bleiben die Aktien der „Schaufelhersteller“ des „KI-Goldrauschs“: Erbauer von Rechenzentren und Kraftwerken sowie Hersteller von Turbinen, Transformatoren, Schaltanlagen, Kabeln, Leitungen und Kühlsystemen. Natürlich hat der Markt diese Unternehmen längst identifiziert und entsprechend sind ihre Bewertungen gestiegen. Dennoch sind deren Auftragsbücher über Jahre hinaus gefüllt. Trotzdem bleibt ein Risiko, sollten die Hyperscaler beginnen müssen, Aufträge zu stornieren. Dasselbe gilt für Bergbauunternehmen, die wichtige Rohstoffe wie Kupfer, Aluminium, Silber, Nickel und seltene Erden aus dem Boden holen, die unabdingbar für die KI-Investitionen sind.
Positiv ist jedoch, dass nicht nur die Unternehmensgewinne über alle Branchen hinweg (außer die Autoindustrie) gestiegen sind, sondern entsprechend auch viele kleinere Unternehmen von der Gewinnhausse erfasst wurden. Der gleichgewichtete S&P 500 hat bereits in diesem Jahr den nach Marktkapitalisierung gewichteten S&P 500 übertroffen. Das gilt ebenso für den Russell 2000 mit seinen vielen Nebenwerten. Auch in Europa hat die Marktbreite drastisch zugenommen und erleichtert die Risikostreuung. Der Markt wird sich in Zukunft mehr und mehr auf vermutete Profiteure bezüglich möglicher KI-Anwendungen konzentrieren. Dies macht zurückgebliebene Branchen wie vor allem den Pharmabereich zunehmend attraktiv. Auch die bereits gelaufenen Finanzwerte und der zyklische Industriebereich bleiben unter Diversifikationsgesichtspunkten interessant.
Fazit
Diese Hausse scheint noch nicht an ihr Ende gekommen zu sein. An den Börsen sind jedoch zumindest temporäre Kurseinbrüche unausweichlich. Sie zu prognostizieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit und gelingt nur Glückspilzen und notorischen Lügnern.
Bleiben Sie also investiert! Anlegerinnen und Anleger mit langfristigem Horizont und ruhiger Hand wurden an den Aktienmärkten bisher stets großzügig belohnt. Auch wenn dies noch keine Gewähr für die Zukunft bietet, kann man darauf vertrauen!
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