German SME Bond Standard: „Den KMU-Anleihemarkt in seiner Gesamtheit stärken“

Der Interessenverband kapitalmarktorientierter kleiner und mittlerer Unternehmen e.V. (‚Kapitalmarkt KMU‘) fordert eine grundlegende Weiterentwicklung des deutschen KMU-Anleihemarkts: Können wir den Standard Nordic Bonds nicht doch auch hierzulande? Wie, das wird aktuell in einer Arbeitsgruppe ausgebrütet – und darüber sprach BondGuide mit Ingo Wegerich, Martin Schmeißer und Holger Clemens Hinz.*

BondGuide: Meine Herren, zur Klarstellung für Leser:innen vorab: BondGuide ist selbst im Interessenverband und ich im Vorstandskreis – aber nicht zwangsläufig in der Arbeitsgruppe German SME Bond Standard. Ich fühle mich daher frei, auch Fragen zu stellen, die nicht meine eigene Meinung vertreten, weil sie z.B. über Leserbriefe an BondGuide herangetragen wurden. Ist das okay für Sie?
Wegerich: Lieber Herr Bozicevic, für uns ist alles okay. Grundsätzlich freuen wir uns sehr, wenn über unser großes Projekt, den GERMAN SME BOND STANDARD, der sehr wichtig für den Kapitalmarkt in Deutschland ist, dazu sicherlich später mehr, in großem Umfang berichtet wird. Vielleicht darf ich noch ergänzen, dass Sie nicht Teil der initiierenden Arbeitsgruppe in unserem Interessenverband waren, aber natürlich jetzt die Tätigkeit in der Arbeitsgruppe journalistisch eng begleiten – und Ihre große Bond-Kompetenz auch einbringen, wenn das gewünscht ist. 
Schmeißer: Selbstverständlich, ich denke eine Beleuchtung des Themas von allen Seiten ist absolut geboten, um am Ende des Tages hoffentlich zu einem weithin anerkannten Standard zu gelangen, der sowohl für Emittenten als auch Investoren ein attraktives Produkt bieten wird. Insofern ist es nicht nur ‚okay‘, sondern erwünscht, dass wir uns auch mit etwaigen kritischen Fragen auseinandersetzen. Ziel des gesamten Prozesses soll es m.E. sein, dass sich alle Marktteilnehmer auf einen Standard verpflichten und diesen einhalten, so dass darüber das Vertrauen in den hiesigen SME-Bond-Markt in seiner Gesamtheit wieder gestärkt werden kann. Hierbei ist die sorgfältige Diskussion zwingend erforderlich, um letztlich Konsens erzielen zu können.

Martin Schmeißer

BondGuide: Also dann gerne einmal in eigenen Worten: Welche Unterschiede zu Nordic Bonds würde ein German SME Bond Standard realistischerweise auf die Beine zu stellen vermögen?
Wegerich: Wir hatten in unserer ersten Pressemitteilung gesagt, dass der deutsche KMU-Anleihemarkt von den skandinavischen Strukturen profitieren kann, ohne deren Schwächen zu übernehmen. Die Schwächen hatten wir hier u.a. im Anlegerschutz gesehen: Die Emissionen werden in Deutschland auch an Privatanleger vertrieben, unterliegen jedoch nicht deutschem Recht und primär zuständig sind skandinavische Gerichte. Im Unterschied zum deutschen Recht bestehen erhebliche Unterschiede bei Beschlussfassungen – so bedarf es bei einer zweiten Gläubigerversammlung keiner Mindestteilnahme – weitreichende Maßnahmen können von einer sehr kleinen Investorengruppe umgesetzt werden. Bei der Treuhänderstruktur besteht ein faktisches Monopol.
Hinz: Grundsätzlich müssen wir hier aus meiner Sicht abschichten. Binnen zwei Jahrzehnten wuchs der Nordic Bond Market von einem lokalen Nischenmarkt für hochverzinsliche Anleihen zu einem aktiven, global beachteten Markt. Er weist darüber historisch niedrige Ausfallraten auf. In den 2000er Jahren waren Öl-/Gasförderung, Ölservice/Offshore sowie Schifffahrt/Transport tonangebend, bei einem denkbar geringen Ausfall. Was die Basis für die heutige Etablierung bildete. Heutzutage zeigt sich ein viel diversifizierteres Branchenspektrum, die die wirtschaftliche Vielfalt der nordischen Länder widerspiegelt. Ein markantes Merkmal ist neben den bereits benannten Aspekten der hohe Anteil variabel verzinslicher Bonds. Anders als in den USA/EU, wo Festkupon-Anleihen Standard sind, haben im Nordic-Markt rund 50% der Anleihen Floater-Kupons, also z.B. 3M Euribor plus Marge.

Verbandspräsident Ingo Wegerich

Der Markt für Nordic Bonds läuft solide – Halbjahresbilanz 2025 auf dem Weg zu neuem Rekord

BondGuide: Warum gerade jetzt? – Nordic Bonds sind nicht neu. Hat man vor zwei, drei, fünf Jahren die ersten Gehversuche leichtfertig als Ausnahmen abgetan? Es gab ja durchaus vereinzelte Nordic Bonds schon vor vielen, vielen Jahren. Ich erinnere mich z.B. an gamigo. Die wurde damals als totale Ausnahme betrachtet.
Wegerich: Der Erfolg der Nordic Bonds hat gezeigt, dass ein großes Bedürfnis nach einem Marktstandard besteht. Auf der anderen Seite mutet es doch komisch an, wenn sich bekannte deutsche Mittelständler unter nordischem Recht finanzieren, deutsche Privatanleger zukünftig ihre Rechte vor nordischen Gerichten und nach nordischem Recht gelten machen müssen und ausgewogene Anlegerschutzvorschriften des deutschen Schuldverschreibungsgesetzes nicht anwendbar sind.  
Schmeißer: Ich denke es geht nicht darum, das Nordic Bond Format ‚zu bekämpfen‘. Es geht vielmehr darum, dem schwächelnden deutschen SME-Bond Markt durch eine konzertierte Aktion wieder auf die Beine zu helfen. Insofern wurde die German SME Bond Standard-Initiative primär aus der Befundnahme des ‚kränkelnden Patienten‘ heraus angestoßen. Hierbei lässt sich nach meiner Wahrnehmung konstatieren, dass im deutschen SME Bond Markt Licht und Schatten nahe beieinander liegen. Dies führt wiederum dazu, dass dem Markt als Gesamtheit geringeres ‚Investoren-Grundvertrauen‘ entgegengebracht wird. Ziel der Initiative ist es nunmehr, die Vertrauensbasis durch Aufsatz eines allgemein anerkannten, allseits für gut befundenen und bei der Begebung durch die Marktteilnehmer beachteten Regelsatzes dieses Vertrauen aufzubauen.

Holger Clemens Hinz

BondGuide: Der erste Web-Call vor wenigen Wochen war – für mein Empfinden – gut bis sehr gut und hochkarätig besucht: Investoren, Banken, Dienstleister, Agenturen, Medien, Börsen – alles dabei. Inzwischen hatten wir einen zweiten Web-Call. Ich war positiv überrascht – wie war es bei Ihnen?
Wegerich: Dies zeigt das große Bedürfnis nach einem deutschen Standard. Alle Beteiligten ziehen jetzt an einem Strang. Das ‚Who is Who‘ des deutschen Bondmarktes ist in unserer Arbeitsgruppe German SME Bond Standard vertreten. Ich rechne mit einem großen Erfolg, wenn die Arbeit getan ist. Das neue Format wird den deutschen Kapitalmarkt zukünftig prägen.  
Schmeißer: Ja, ich teile Ihre Einschätzung. In den ersten beiden Sitzungen der durch den Interessenverband Kapitalmarkt KMU ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe haben sich bereits viele relevante Marktteilnehmer eingebracht. Dies zeigt m.E. die Unzufriedenheit mit der aktuellen, durch starke Fragmentierung und Individuallösungen bestimmten Situation und die gemeinsame Einschätzung, dass sich dies verbessern muss. Aus diesem Grund war ich auch sehr erfreut über den offenen und konstruktiven Austausch. In diesem haben die Teilnehmer direkt relevante Punkte benannt und es kam jeweils zu konstruktiven Diskussionen. Dies macht Mut für die weitere Arbeit in den Unter-Arbeitsgruppen.
Hinz: Ich kann mich der Einschätzung nur anschließen. Der Nordic Bond Markt teilt sich heute in rund 80% Investment Grade und rund 20% Hight Yield Anleihen auf. Wir haben ja kein Problem des deutschen Standorts in Bezug auf Investment Grade Anleihen, nur der Anteil der deutschen High Yields – einst Mittelstandsanleihen geheißen – haben durch die hohe Anzahl an Ausfällen und auch öffentlichkeitswirksame Skandale einen massiven Vertrauensschaden erlebt. Hierfür gilt es durch einen neuen German SME Bond Standard Abhilfe zu schaffen.

BondGuide: Dass wir die Möglichkeiten hätten, die rechtlichen Strukturen eines Nordic Bonds unter deutschem Label nachzubilden – oder sogar hier und dort zu optimieren –, bezweifelt niemand ernsthaft. Bleibt also das Investoren-Argument. Herr Schmeißer, Herr Hinz, wer investiert denn in Oslo oder Stockholm, der nicht auch hier investieren könnte?!
Hinz: Institutionelle Anleger bilden das Rückgrat im Nordic Bond Markt von Anfang an. Ob und in welcher Form Limitierungen bei den dort aktiven Pensionskassen, Versicherungen, Fonds und Family Offices bestehen, gilt es final in unserer Arbeitsgruppe Bank zu verproben. Im vergleichbaren US-High Yield Markt bestehen zumindest auf der Fondsseite eben solche Restriktionen in den Anlagerichtlinien. Fakt ist jedoch: Retail-Anleger spielten praktisch keine direkte Rolle, da Neuemissionen nicht öffentlich angeboten wurden und die Stückelungen hohe Mindestinvestitionen forderten.
Schmeißer: Niemand – es kommt nur darauf an, durch eine koordinierte Maßnahme bzw. deren Ausfluss für einen German SME Standard das Vertrauen weiterer, insbesondere internationaler Investorenschichten zu gewinnen. Dann kann sich ein liquiderer Markt in Deutschland entwickeln, der in der Folge auch mit einer höheren Emissionsfrequenz aufwarten kann. Das wiederum könnte dann auch weitere Emittenten anziehen, wie zuletzt als Phänomen des Nordic Bond zu beobachten.

BondGuide: Haben wir Nordic Bonds hier in Deutschland zu lange ignoriert und kann man jetzt ernsthaft noch etwas ändern? Bei Dienstleistern für eine Neuemission gibt es doch so etwas wie ‚Machen wir wie beim vergangenen Mal‘. So haben sich Quasi-Monopole gebildet. Die müssen nicht zwangsläufig nachteilig sein, aber Wettbewerb wäre auch mal eine Idee.
Hinz: Ich denke da eher, dass die Emittenten wie Dienstleister gnadenlose Opportunisten sind. Es geht doch immer darum, auf dem Wege des geringsten Widerstands zu den besten Konditionen bei maximaler Sicherheit die Refinanzierung sicherzustellen. Das war bei den Mittelstandsanleihen einst der Fall und nun zeichnete sich in den letzten zwei Jahren ein Trend ab, dass gefühlt jede Anleihe einfach im Nordic Markt zu refinanzieren war. Der zeigt nun für mich auch erste Risse, durch entweder Nichtumsetzung oder auch Restrukturierung von gerade nichtskandinavischen Emittenten. Daher, wenn sich ein Fenster für ein neues Format mit Investoren auftut, die auf der Grundlage von gewissen Standards investieren, dann geht das Rennen von Neuem los.
Schmeißer: Es ist in der Tat richtig, dass sich im deutschen Markt möglicherweise zu viel ‚Individualpraktiken‘ eingebürgert haben, die sich auf der Investorenseite dann naturgemäß nicht als einheitlicher und verlässlicher Standard präsentieren. Dem durch einen gemeinsamen, einheitlichen Antritt entgegenzuwirken, ist unser Bestreben.  Wettbewerb ist sicherlich gut, aber er darf m.E. nicht zu Lasten der Qualität gehen. Die abgestimmte ‚Qualitätssicherung‘ durch einen Standard verhindert nicht den Wettbewerb, sondern stärkt zunächst den Markt in seiner Gesamtheit. In diesem erstarkten Markt wird sich dann automatisch Wettbewerb um die Begleitung entsprechender Finanzierungsmaßnahmen einstellen. Dieser Wettbewerb muss sich dann aber durch andere Unterscheidungsmerkmale einstellen, als durch das ‚Versprechen des einfachen Weges für Jedermann…‘.

BondGuide: Wie geht es mit der Arbeitsgruppe weiter: Was sind die nächsten Schritte, wann rechnen Sie mit vorzeigbaren Ergebnissen?
Wegerich: Wir hatten zwei Sitzungen in der Arbeitsgruppe und haben jetzt zwei Unterarbeitsgruppen gebildet: Die Unterarbeitsgruppe ‚Bank‘ und die Unterarbeitsgruppe ‚Recht‘. In der Arbeitsgruppe Bank sind im Wesentlichen Banker, Börsen, Financial Berater und Investoren angesiedelt. In der Arbeitsgruppe Recht sind im Wesentlichen Rechtsanwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer angesiedelt. Jetzt fängt die eigentliche Arbeit an. Das neue Format kann nur ein Erfolg werden, wenn es Investoren gefällt und alle Banken an einem Strang ziehen. Wir werden zunächst die Investorenwünsche abfragen und dann diesen Wunschzettel in ein rechtliches Format gießen. Ich würde von insgesamt sechs Monaten ausgehen, wann mit Ergebnissen zu rechnen ist. Der erste Monat ist hiervon um und stimmt alle sehr zuversichtlich. Lassen Sie uns gerne in zwei Monaten an gleicher Stelle eine Halbzeitbilanz ziehen.
Hinz: Das sehe ich ähnlich: Der Köder muss dem Fisch schmecken und wir brauchen gar nicht erst rechtliche Grundlagen zu etablieren, wenn die von den Investoren nicht gewünscht oder die Basis für ihr Investment sind. Es wird beispielsweise seine Gründe insbesondere in Bezug auf die Investorenbasis haben, warum die Trustee Funktion sich so etabliert hat und auch ein Quasi-Monopol insbesondere für norwegischen Recht unterliegende Anleihen existiert.

BondGuide: Meine Herren, dann machen wir das gerne so!
Hinz: Vielen Dank unsererseits für die Möglichkeit, an dieser Stelle unsere ersten Einschätzungen bei Ihnen zu erörtern.

Interview: Falko Bozicevic

*) Ingo Wegerich ist Präsident des Verbands Kapitalmarkt KMU sowie Gründer seiner auf Kapitalmarkt- und Aufsichtsrecht spezialisierten Kanzlei; Martin Schmeißer ist Geschäftsführer der Montega Markets GmbH und Holger Clemens Hinz Leiter des Bereichs Corporate Finance bei der Quirin Privatbank AG.

—————————-

! NEU ! Die erste BondGuide Jahresausgabe 2025 ist erschienen (12. Jun.): ‚Green & Sustainable Finance 2025‘ kann wie gewohnt kostenlos als e-Magazin oder pdf heruntergeladen werden.

Bitte nutzen Sie für Fragen und Meinungen Twitter – damit die gesamte Community davon profitiert. Verfolgen Sie alle Diskussionen & News zeitnaher auf Twitter@bondguide !