
Im Gespräch mit BondGuide erläutern Markus W. Voigt und René Kautz, wie Aream mit PV, Speichern und Vermarktung neue Wertschöpfung erschließen will.
>> aus BondGuide #18-2026 vom 04. September<<
BondGuide: Meine Herren, wir sprechen inzwischen zum dritten Mal über eine Aream-Anleihe. Aktuell folgt Green Bond Nummer drei. Wenn Sie auf diese drei Jahrgänge zurückblicken: Was ist bei Aream heute anders als 2024 – war der Gang an den Kapitalmarkt der richtige, vielleicht sogar notwendige Schritt zur Weiterentwicklung?
Voigt: Es war definitiv die richtige Entscheidung, an den Kapitalmarkt zu gehen. Die Anleihen und das Vertrauen unserer Anleger haben uns ermöglicht, unsere Projektpipeline kontinuierlich auszubauen und neue Wertschöpfungsstufen zu erschließen – und zwar auch in einem anspruchsvolleren Marktumfeld. Dadurch sind wir heute insgesamt deutlich weiter als 2024. Wir entwickeln nicht mehr nur Photovoltaikprojekte, sondern denken Erzeugung, Speicher, Netzinfrastruktur und Vermarktung zusammen. Die erfolgreiche Platzierung des zweiten Green Bonds mit 9,3 Mio. EUR und die daraus bereits angestoßenen Investitionen bestätigen diesen Weg. Besonders freuen wir uns, dass wir jetzt mit einem Projekt aus der ersten Anleihe kurz vor der Zielgeraden stehen.
BondGuide: Welches ist das?
Voigt: Das ist unser Hybridprojekt Weißewarte in Sachsen-Anhalt mit 68 MWp PV-Leistung und bis zu 78 MW Speicherleistung. Juristisch ist das Projekt bereits verkauft, allerdings noch unter zwei aufschiebenden Bedingungen. Wir haben vor Kurzem erfreuliche Nachrichten erhalten und gehen davon aus, dass der Verkauf nach entsprechender Dokumentation kurzfristig vollzogen werden kann.
„Unsere grundlegende Prognose ist aufgegangen. Was auch wir allerdings in dieser Dynamik nicht erwartet haben, ist die Entwicklung der Batteriespeicher.“
Markus W. Voigt
BondGuide: 2024 sagten Sie mir, Solarenergie mache das Rennen und Wind werde zunehmend die Lücke bei der Versorgungssicherheit schließen. 2025 haben Sie diese Einschätzung noch einmal bekräftigt und insbesondere auf die stark fallenden Kosten von Speichern verwiesen. Mit dem Abstand von heute: Ist diese Prognose aufgegangen – und wo hat Sie die Realität vielleicht doch überrascht?
Voigt: Die grundlegende Prognose ist aufgegangen. Was wir allerdings in dieser Dynamik nicht erwartet haben, ist die Entwicklung der Batteriespeicher. Technologisch, wirtschaftlich und bei der Verfügbarkeit haben sie in den vergangenen Jahren einen enormen Sprung gemacht. Dadurch hat sich auch unsere Sicht auf die Projektentwicklung verändert. Vor zwei Jahren war ein Speicher bei einem PV-Projekt häufig noch ein zusätzliches Element. Heute betrachten wir Photovoltaik und Speicher viel stärker als integriertes System. Der Speicher erhöht die Flexibilität, verbessert die Vermarktungsmöglichkeiten und kann zusätzliche Erlöspotenziale erschließen.
Kautz: Das ist für uns ein ganz wesentlicher Entwicklungsschritt: Wir wollen nicht einfach möglichst viel Solarstrom produzieren, sondern Energieerzeugung mit Flexibilität und Vermarktung so verbinden, dass daraus ein wirtschaftlich attraktiveres und robusteres Gesamtprojekt entsteht. Genau diese Entwicklung sehen wir inzwischen auch sehr konkret in unserer Pipeline.
BondGuide: Ich selbst hatte ‚PV plus Speicher‘ in einem anderen Interview als ‚heute praktisch zwingend‘ tituliert, da dies in mehreren Gesprächen mit Experten wie Ihnen so herüberkam. Oder habe ich da etwas zu weit vorgegriffen?
Voigt: Nein, das haben Sie nicht. Für unsere eigene Projektentwicklung würde ich das tatsächlich sehr ähnlich formulieren – allerdings mit einer wichtigen Differenzierung. Ein PV-Projekt ohne Speicher ist nicht grundsätzlich wirtschaftlich unattraktiv. Aber wenn wir heute ein neues Projekt entwickeln, wollen wir die Möglichkeit haben, einen Batteriespeicher zu integrieren.
Kautz: Das ist inzwischen ein wesentlicher Bestandteil unserer Investitionsentscheidung. Wenn die technischen und netzseitigen Voraussetzungen für eine solche Hybridisierung fehlen und sich auch keine Perspektive dafür ergibt, verliert ein Projekt für uns deutlich an Attraktivität. Der Grund ist einfach: Mit einem Speicher können wir den erzeugten Strom flexibler einsetzen und vermarkten. Außerdem eröffnet die Kombination zusätzliche Möglichkeiten bei der Netzintegration. Deshalb gehört die Speicherfähigkeit für uns heute zu den zentralen Kriterien bei der Auswahl und Weiterentwicklung neuer Projekte.
BondGuide: Bleiben wir bei den Speichern. Ein bestehender Wind- oder Solarstandort kann durch PV und einen zusätzlichen Batteriespeicher wesentlich besser genutzt werden, insbesondere da der vorhandene Netzanschluss mehrfach genutzt werden kann. Was davon ist inzwischen tatsächlich umgesetzt – wie weit sind Sie bei solchen Hybridprojekten?
Voigt: Wir haben hier inzwischen einen sehr konkreten Hebel. Ein Beispiel ist der Netzanschluss: Vereinfacht gesagt galt früher, dass ein 100-MW-Solarpark auch einen Netzanschluss für 100 MW benötigt. Wenn jedoch die Batterie entsprechend dimensioniert ist und Erzeugung sowie Speicherung intelligent zusammenspielen, können unter Umständen bereits 60 MW Netzanschlussleistung ausreichen. Das hat gleich zwei Vorteile: Wir können die vorhandene Netzinfrastruktur effizienter nutzen und gleichzeitig die Kosten für den Netzanschluss reduzieren.
„Ich bin heute optimistischer, was die Netzengpässe betrifft, als ich es noch vor einem Jahr war. Die Batterien sind inzwischen wettbewerbsfähig, deutlich günstiger und schnell verfügbar geworden. Das beginnt jetzt Fahrt aufzunehmen.“
Markus W. Voigt
BondGuide: Da bin ich mit meiner vermeintlichen Expertise am Ende der Fahnenstange. Wie rechnen Sie dabei?
Voigt: Für den Projektentwickler wird der Netzanschluss günstiger, da beispielsweise ein kleinerer Transformator und eine entsprechend geringere Anschlussleistung benötigt werden können. Gleichzeitig ist es für den Netzbetreiber attraktiv, weil an demselben Netzstrang mehr Projekte angeschlossen werden können. Aus 100 MW Erzeugungsleistung werden also nicht automatisch 100 MW gleichzeitig benötigte Netzkapazität. Das beginnt sich inzwischen auch in den regulatorischen Rahmenbedingungen widerzuspiegeln. Damit können Batteriespeicher letztlich einen Teil des enormen Netzausbaubedarfs entschärfen, weil wir die Einspeisung zeitlich steuern und stärker verstetigen können. Ich bin deshalb heute optimistischer, was die Netzengpässe betrifft, als ich es noch vor einem Jahr war. Die Batterien sind inzwischen wettbewerbsfähig, deutlich günstiger und schnell verfügbar geworden. Das beginnt jetzt Fahrt aufzunehmen.
Kautz: Bei der Integration von Batteriespeichern sehen wir allerdings weiterhin Verzögerungen. Man muss zwischen verschiedenen Speicherarten unterscheiden: Ein Grünstromspeicher ist aus unserer Sicht eine sinnvolle Ergänzung für praktisch jedes PV-Projekt. Über die konkrete Dimensionierung kann man diskutieren, aber die Integration sollte schnell gehen. In der Praxis dauert es jedoch häufig noch viel zu lange, bis ein solcher Speicher tatsächlich ans Netz gebracht werden kann. Der systemische Nutzen ist bei einer großen PV-Pipeline unbestritten. Strategisch können Projekte mit Batteriespeicher aber auch den Ausbaupfad der Netze entlasten, weil wir den Strom nicht mehr zu den Erzeugungsspitzen einspeisen müssen, sondern zeitlich flexibler agieren können.
„Verzögerungen sind ärgerlich, aber keineswegs ungewöhnlich. Entscheidend ist für uns, dass wir das Projekt weiterentwickeln und die zusätzlichen technischen Möglichkeiten wirtschaftlich nutzen konnten.“
René Kautz
BondGuide: Schauen wir auf die Bilanz Ihrer ersten beiden Anleihen: Was wurde konkret finanziert, welche Projekte haben sich wie erwartet entwickelt?
Voigt: Die ersten beiden Green Bonds haben uns ermöglicht, gezielt in Projektentwicklung und neue Wertschöpfungsstufen zu investieren. Beim zweiten Bond sehen wir das besonders deutlich: Mit den eingeworbenen 9,3 Mio. EUR haben wir unter anderem Rechte an zwei PV-Hybridprojekten mit zusammen 66,2 MWp erworben und eine Entwicklungskooperation mit Zugriff auf weitere 14 PV-Projekte mit insgesamt 153,7 MWp aufgebaut. Hinzu kamen Investitionen in die Energievermarktung und den Zugang zu PPAs.
Kautz: Man muss bei Projektentwicklungen grundsätzlich auch zeitliche Verschiebungen einkalkulieren. Sechs, neun oder auch zwölf Monate können bei komplexen Projekten durchaus vorkommen. Der Wert eines Projekts wird dabei gerade auf den letzten Metern maximiert: Wenn Baurecht, Netzanschluss, technische Konzeption und Vermarktung zusammenpassen, wird aus einer Entwicklung ein attraktives, veräußerbares Asset. Bei Weißewarte hat sich insbesondere die Integration des Speichers als zusätzlicher Zeitfaktor erwiesen. Der Netzbetreiber musste zunächst klären, unter welchen Voraussetzungen die Batterie am Standort integriert werden kann. Diese Fragen sind inzwischen gelöst. Solche Verzögerungen sind zwar ärgerlich, aber keineswegs ungewöhnlich. Entscheidend ist für uns, dass wir das Projekt weiterentwickeln und die zusätzlichen technischen Möglichkeiten wirtschaftlich nutzen konnten.
„Wir benötigen kontinuierlich Kapital, um eine bestimmte Zahl von Projekten parallel voranzutreiben. Deshalb besteht unser Ansatz darin, Kapitalmarktfinanzierung wiederholbar und passend zu unserem tatsächlichen Mittelbedarf einzusetzen.“
Markus W. Voigt
BondGuide: Eine Sache fällt beim Blick auf die drei Bonds auf: Das Instrument selbst hat sich kaum verändert – fünf Jahre Laufzeit, rund 10 Mio. EUR Volumen, Green-Bond-Ansatz. Ist das inzwischen bewusst ein wiederholbares Finanzierungsmodell für Aream, mit dem Sie Schritt für Schritt wachsen wollen? Denkbar wäre doch auch ein größerer Green Bond über gleich 30 Mio. EUR.
Voigt: Für uns steht nicht die größtmögliche Anleihe im Vordergrund, sondern die passende Finanzierung für unser Geschäftsmodell. Bis zu 10 Mio. EUR passen sehr gut zu unserer heutigen Unternehmensgröße und zu unserem laufenden Kapitalbedarf. Projektentwicklung ist trotz aller Standardisierung ein sehr individuelles Geschäft. Jedes Projekt hat eigene technische, planungsrechtliche und netzseitige Fragestellungen. Deshalb gibt es auch keine unbegrenzten Skaleneffekte. Wir benötigen kontinuierlich Kapital, um eine bestimmte Zahl von Projekten parallel voranzutreiben. Deshalb besteht unser Ansatz darin, Kapitalmarktfinanzierung wiederholbar und passend zu unserem tatsächlichen Mittelbedarf einzusetzen.
Kautz: Hinzu kommt: Die Mittel werden nicht zwingend an einem einzigen Tag benötigt. Unser Kapitalbedarf entsteht entsprechend dem Fortschritt unserer Projekte. Deshalb passt eine sukzessive Mittelaufnahme sehr gut zu unserem Geschäftsmodell. Für uns ist das effizienter, als viel Kapital auf einmal aufzunehmen und anschließend möglicherweise über längere Zeit ungenutzt vorzuhalten. Das Emissionsvolumen der Anleihen passt damit gut zu unserem tatsächlichen Investitionsrhythmus.
„Das Emissionsvolumen der Anleihen passt gut zu unserem tatsächlichen Investitionsrhythmus.“
René Kautz
BondGuide: Wir haben inzwischen Erzeugung, Speicher, Netzinfrastruktur, Energy as a Service und zusätzliche Länder. Was ist der Bereich, bei dem Sie sagen: Hier schafft Aream einen Mehrwert, den ein klassischer Projektentwickler oder Asset-Manager eben nicht so leicht bewerkstelligen kann?
Voigt: Der entscheidende Mehrwert liegt für mich im Zusammenspiel. Wir betrachten nicht mehr nur das einzelne PV-Projekt, sondern die gesamte Wertschöpfungskette dahinter. Das beginnt bei der Erzeugung, geht über Speicher und Netzinfrastruktur und reicht bis zur Vermarktung des erzeugten Stroms. Gleichzeitig diversifizieren wir unsere geografische Basis. Mit Italien und Spanien kommen zwei Märkte hinzu, die jeweils andere Rahmenbedingungen und Chancen bieten. Die AREAM Group verfügt dort bereits über langjährige Erfahrung.
Kautz: Unser Mehrwert besteht auch darin, dass wir inzwischen deutlich über die reine Entwicklung bis zur Baureife hinausgehen. Wir können Projekte bis in Richtung Baubeginn entwickeln, institutionelles Kapital für die weitere Umsetzung einbinden und Projekte anschließend veräußern. Gleichzeitig bauen wir unsere Kompetenz in den Energiemärkten aus. Ein Beispiel dafür ist der Zugang zu PPAs, den wir durch unsere strategische Beteiligung an einem Energieversorger weiter gestärkt haben. Damit können wir die Wirtschaftlichkeit unserer eigenen Projekte steigern und zugleich zusätzliche Leistungen im Bereich Stromvermarktung anbieten.
Voigt: Und genau dadurch werden auch unsere eigenen Projekte wertvoller. Wenn wir nicht nur eine Erzeugungsanlage verkaufen, sondern ein durchdachtes Paket aus Erzeugung, Speicher, Netzanschluss und Vermarktung anbieten können, entsteht ein höherer Wert als bei einem reinen PV-Projekt. Das ist letztlich unser Ziel: Wir wollen durch die Entwicklung zusätzliche Wertschöpfung schaffen – und davon sollen sowohl Aream als Unternehmen als auch unsere Anleger profitieren.
BondGuide: Herr Voigt, Herr Kautz, wenn wir unser Gespräch heute in einem Jahr wiederholen – was müsste bis dahin passiert sein, damit Sie sagen: Der dritte Green Bond war nicht einfach eine Fortsetzung der bisherigen Finanzierung, sondern ein weiterer echter Entwicklungsschritt für Aream?
Voigt: Ich würde das an drei Punkten festmachen. Erstens wollen wir unsere Projektpipeline weiterentwickeln und weitere Projekte erfolgreich in Richtung Baureife führen. Zweitens wollen wir die Kombination aus Photovoltaik und Batteriespeichern konsequent ausbauen. Und drittens wollen wir unsere Aktivitäten in Italien und Spanien weiterentwickeln. Allein schon diese geografische Erweiterung macht unseren dritten Green Bond zu mehr als einer reinen Fortsetzung der bisherigen Finanzierung.
Kautz: Und ich würde noch einen vierten Punkt ergänzen: die Vermarktung. Wenn wir Erzeugung, Speicherung und Stromvermarktung noch enger miteinander verbinden und gleichzeitig geografisch breiter aufgestellt sind, entsteht ein Geschäftsmodell mit mehreren Wertschöpfungsstufen. Genau diese Kombination wollen wir weiter ausbauen. Dann wäre der dritte Green Bond für mich ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem integrierten Anbieter von erneuerbaren Energielösungen.
BondGuide: Meine Herren, einmal mehr ganz herzlichen Dank an Sie beide!
Das Interview führte Falko Bozicevic.
Fotos @ AREAM Group SE
