Neobroker, Krypto-Börsen, TradFi – bisherige Rollenverteilung im digitalen Finanzmarkt erodiert

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Lange Zeit war die Rollenverteilung im digitalen Finanzmarkt klar: Krypto-Börsen verdienten am Handel mit Bitcoin, Ethereum und anderen digitalen Vermögenswerten. Neobroker holten junge Anleger über Aktien, ETFs und niedrige Gebühren auf ihre Plattformen. Banken beobachteten den Krypto-Markt überwiegend aus sicherer Entfernung. Doch diese Ordnung beginnt zu kippen.

Eine neuer Infografik-Marktreport von boersen-parkett.de zeigt am Beispiel von Robinhood, wie stark sich das Geschäftsmodell moderner Handelsplattformen verändert hat. Die Plattform betreut inzwischen rund 27 Millionen Kunden und gehört zu den prägendsten Akteuren der globalen Neobroker-Branche. Entwicklungen bei Robinhood gelten daher oft als Frühindikator für Trends, die später auch andere Anbieter erfassen. Der Aktienhandel bleibt zwar das Schaufenster, über das viele Kunden auf die Plattform kommen. Die großen Erlöse entstehen jedoch längst in anderen Bereichen: mit Zinsen, Optionen, Kryptowährungen, Krediten und neuen Produkten wie Ereigniskontrakten.

Überraschend ist vor allem die größte Einnahmequelle: 2025 erzielte Robinhood rund 1,5 Mrd. USD mit Zinsen auf Kundengelder, Wertpapierleihe und weitere zinstragende Finanzierungsaktivitäten – deutlich mehr als mit dem Aktienhandel selbst. Der Optionshandel brachte rund 1,1 Mrd. USD ein, der Krypto-Handel etwa 900 Mio. USD. Der Handel mit Aktien und ETFs kam dagegen lediglich auf rund 300 Mio. USD. Damit zeigt sich: Ausgerechnet das Produkt, mit dem Robinhood öffentlich stark verbunden wird, ist nur noch ein vergleichsweise kleiner Teil der Umsatzmaschine.

Noch bemerkenswerter fällt der Blick auf das Handelsvolumen aus. Aktien und ETFs kamen 2025 auf ein Transaktionsvolumen von rund 2,3 Bio. USD. Kryptowährungen lagen dagegen bei etwa 240 Mrd. USD. Dennoch erzielte Robinhood mit Krypto rund dreimal so viel Umsatz wie mit Aktien und ETFs. Wie aus der Infografik hervorgeht, ist der Krypto-Handel für Plattformen damit deutlich ertragreicher – trotz wesentlich geringerer Volumina.

Der Befund ist für die Branche brisant. Neobroker mussten in den vergangenen Jahren lernen, dass reine Handelsaktivität zyklisch ist. In Boomphasen steigen Nutzerzahlen, Transaktionen und Erträge rasant. In Bärenmärkten fallen Volumina dagegen schnell zurück. Wer dauerhaft wachsen will, kann sich nicht allein auf Aktienorders oder Krypto-Hype verlassen. Genau deshalb verbreitern sich die Geschäftsmodelle.

Coinbase geht denselben Weg aus der Gegenrichtung. Die Plattform war lange vor allem als Krypto-Börse bekannt, positioniert sich inzwischen aber zunehmend als „Everything Exchange“. Aktien, Termingeschäfte, Prognosemärkte, Stablecoin-Erträge und weitere Finanzprodukte sollen schrittweise in einer App zusammenlaufen. Robinhood bewegt sich vom Aktienbroker in Richtung Krypto, Banking, Zinsen und Ereignismärkte. Coinbase bewegt sich von der Krypto-Börse in Richtung breiter Finanzplattform.

Parallel holen klassische Finanzinstitute auf. In Deutschland bereitet die Sparkassen-Finanzgruppe den Einstieg in den Krypto-Handel für Privatkunden vor: Ab 2026 soll die DekaBank ein beratungsfreies Angebot für Selbstentscheider bereitstellen, das die gesamte Wertschöpfungskette vom Handel über die Verwahrung bis zum Frontend innerhalb der Finanzgruppe abdeckt. Börse Stuttgart Digital liefert dafür über ihre institutionelle Brokerage-Lösung die nötige Liquidität.

Das genossenschaftliche Lager ist bereits einen Schritt weiter: Die DZ BANK erhielt Ende Dezember 2025 die MiCAR-Zulassung der BaFin für ihre gemeinsam mit dem IT-Dienstleister Atruvia entwickelte Plattform „meinKrypto“, die seit Anfang 2026 schrittweise in die VR-Banking-App der Volks- und Raiffeisenbanken integriert wird. Laut einer Genoverband-Studie vom September 2025 plant mehr als ein Drittel der Institute, die Lösung in den kommenden Monaten einzuführen. Damit rückt Krypto in eine Welt vor, die den Markt lange skeptisch betrachtet hatte.

Für Neobroker und Krypto-Börsen erhöht das den Druck. Banken bringen Vertrauen, Regulierung, bestehende Kundenbeziehungen und gewachsene Infrastruktur mit. Die jungen Plattformen bringen Tempo, bessere Nutzeroberflächen, Produktinnovation und eine starke Bindung an digital affine Anleger. Der Wettbewerb verschiebt sich deshalb: Es geht nicht mehr nur darum, wer die günstigste Aktienorder oder die größte Coin-Auswahl bietet. Entscheidend wird, wer zur zentralen Finanz-App im Alltag der Nutzer wird.

Für Anleger hat diese Entwicklung jedoch eine zweite Seite. Denn genau die Produkte, mit denen Plattformen besonders viel Geld verdienen, sind häufig auch die riskanteren. Optionen, Krypto-Trading, Kredite, Hebelprodukte und Ereigniskontrakte können für Anbieter sehr lukrativ sein, erhöhen aber zugleich das Verlustrisiko auf Kundenseite. Je stärker eine App solche Produkte bündelt und je einfacher der Zugang wird, desto wichtiger werden Risikobewusstsein, Selbstkontrolle und eine klare Trennung zwischen langfristigem Vermögensaufbau und spekulativem Handel.

Die Infografik zeigt damit nicht nur, wie sich Robinhood, Coinbase und Banken strategisch neu positionieren. Sie zeigt auch ein Spannungsfeld, das Anleger künftig stärker beachten müssen: Moderne Finanz-Apps werden komfortabler, breiter und leistungsfähiger. Doch ausgerechnet die ertragreichsten Produktbereiche der Plattformen sind nicht automatisch die sinnvollsten für Privatanleger. Wer vom Wandel der Broker profitieren will, sollte deshalb nicht nur auf neue Funktionen achten – sondern auch darauf, welche Anreize hinter diesen Funktionen stehen.

HIER geht es zum ausführlichen Beitrag mit weiteren interessanten Informationen und anschaulichen Infografiken.

Grafiken @ boersen-parkett.de

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