Der Preis des Kapitals ist zurück: Renditeschock an den Anleihemärkten

Der globale Renditeschock verändert die Anleihemärkte. Michael Titz sieht steigende Chancen, bleibt bei langen Laufzeiten aber vorsichtig.

Renditeschock an den Anleihemärkten: Langfristige Staatsanleihe-Renditen sind im September weltweit deutlich gestiegen. Zehnjährige Bundesanleihen erreichten rund 3,6%, zehnjährige US-Staatsanleihen überschritten die Marke von 5%. Auch Großbritannien, Frankreich und Japan verzeichneten Mehrjahres- beziehungsweise Jahrzehntehochs. Michael Titz, Leiter Investment Office beim Bankhaus Herzogpark, sieht dahinter keinen einzelnen Auslöser, sondern eine grundlegende Neubewertung des Preises für langfristiges Kapital.

Renditen steigen aus mehreren Gründen

Renditeschock bei Anleihen

Renditeschock bei Anleihen

Eine langfristige nominale Anleiherendite setzt sich vereinfacht aus erwarteten realen Zinsen, erwarteter Inflation und einer Laufzeitprämie zusammen. Hinzu können länderspezifische Bonitäts- und Fiskalprämien kommen. Der jüngste Anstieg sei dabei nicht allein durch höhere Inflationserwartungen erklärbar. Vielmehr hätten sich insbesondere die realen Laufzeitprämien erhöht.

Gleichzeitig bleibt die Konjunktur robuster als erwartet. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie im Euroraum stieg im September auf 52,9 Punkte, den höchsten Stand seit mehr als vier Jahren. Höhere Energiepreise halten zugleich den Inflationsdruck aufrecht. Staaten benötigen zusätzlich Kapital für Verteidigung und Infrastruktur, Unternehmen investieren unter anderem in Rechenzentren, Stromnetze und Halbleiter.

Auch die Staatsverschuldung spielt eine Rolle. Mehr Staatsausgaben erhöhen das Anleiheangebot und können damit höhere Renditen erfordern. Während Titz dies bei Deutschland eher als allgemeinen Zins- und Laufzeitprämieneffekt einordnet, habe Frankreich zusätzlich mit einer eigenen fiskalischen Risikoprämie zu kämpfen.

Anleihen werden interessanter

Für Anleger entsteht ein Spannungsfeld: Steigende Renditen belasten bestehende langlaufende Anleihen, verbessern aber zugleich die laufenden Erträge bei Neuanlagen. Das Bankhaus Herzogpark bevorzugt weiterhin kurze bis mittlere Laufzeiten. Sollten sich Wachstums- und Inflationsdruck abschwächen und der Anstieg der langfristigen Renditen stabilisieren, könnte die Duration schrittweise verlängert werden.

Bei Aktien hält Titz eine neutrale Quote weiterhin für angemessen. Die Indizes seien zwar robust, die Marktbreite habe sich jedoch verengt. Qualität, Diversifikation und Rebalancing blieben deshalb wichtig. Gold behalte seine strategische Rolle als Ergänzung zu Aktien und Anleihen.

Fazit: Aus dem Renditeschock wird eine Renditechance

Michael Titz

Für bestehende langlaufende Anleihen war die Anpassung schmerzhaft, für Neuanlagen verbessert sich die Perspektive. Titz sieht noch keinen Anlass für einen aggressiven Aufbau längerer Laufzeiten. Der Vorteil sehr kurzer Laufzeiten nimmt jedoch ab. Damit entwickelt sich aus dem Renditeschock zunehmend auch eine Renditechance.

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