
Die Aktienmärkte sind nervöser geworden. Aktuell treffen mehrere Faktoren zusammen: die bevorstehenden US-Zwischenwahlen, gestiegene Zinsen und zunehmende Zweifel an der KI-Story. Dr. Matthias Ramser ist Chief Investment Officer (CIO) von Reichmuth & Co Privatbankiers:
Insbesondere nach der starken Entwicklung der Halbleiterindustrie, die zu den direkten Profiteuren des KI-Booms zählt, stellt sich die Frage, ob nun eine größere Korrektur bevorsteht. Wir rechnen kurzfristig zwar mit mehr Schwankungen und einer gewissen Schwäche an den Aktienmärkten. Mittelfristig bleiben wir jedoch zuversichtlich.
Zwischenwahlen sorgen kurzfristig für Unsicherheit
Die US-Zwischenwahlen Anfang November dürften kurzfristig für höhere Schwankungen an den Märkten sorgen. Historisch entwickelte sich der US-Aktienmarkt nach den Zwischenwahlen jedoch ausgesprochen positiv: Seit 1950 erzielte der S&P 500 in allen 19 Fällen in den darauffolgenden zwölf Monaten eine positive Rendite, im Durchschnitt von 12,6%. Wichtiger als der konkrete Wahlausgang dürfte dabei die politische Machtverteilung sein. Eine geteilte Regierung begrenzt den Spielraum für größere Gesetzesänderungen und wurde von den Märkten historisch eher positiv aufgenommen. Kurzfristig bleiben die Zwischenwahlen damit ein Unsicherheitsfaktor, mittelfristig dürften jedoch andere Einflussgrößen wie Zinsen, Unternehmensgewinne und Energiepreise stärker ins Gewicht fallen.
Entscheidend ist das Tempo des Zinsanstiegs
Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen sind zuletzt deutlich gestiegen. Im langfristigen Vergleich ist das heutige Zinsniveau allerdings weniger außergewöhnlich, als es nach der langen Tiefzinsphase erscheinen mag. Über einen Zeitraum von 40 Jahren betrachtet, handelt es sich vielmehr um eine Normalisierung. Kritisch ist aber das Tempo des Zinsanstiegs. Schnelle Zinsbewegungen sind für die Finanzmärkte schwieriger zu verdauen.
Für die Zinsentwicklung sehen wir zwei wesentliche Treiber. Zum einen bleiben die Unternehmensgewinne stark. Sie führen über höhere Realzinsen auch zu höheren Zinsen insgesamt. Damit entsteht für die Aktienmärkte kurzfristig zusätzlicher Druck, ohne dass sich an der grundsätzlich soliden Gewinnentwicklung der Unternehmen etwas geändert hat.
Zum anderen hat die Eskalation im Nahen Osten den Ölpreis steigen lassen. Dadurch nimmt der Inflationsdruck zu und verstärkt den Druck auf die Zinsen zusätzlich. Damit wirken derzeit zwei unterschiedliche Entwicklungen in dieselbe Richtung. Beide tragen dazu bei, dass die Zinsen gestiegen sind.
Der Ölpreis könnte für Entspannung sorgen
Beim Ölpreis rechnen wir mittelfristig mit einer Beruhigung. Die USA, der Iran, die Golfstaaten und China brauchen trotz unterschiedlicher Interessen einen funktionierenden Handel und die Straße von Hormus. Sollte sich der Ölpreis wieder entspannen, würde damit auch der zusätzliche Inflationsdruck nachlassen. Das wiederum könnte den Druck auf die Zinsen reduzieren. Eine solche Entwicklung wäre sowohl für Obligationen als auch für Aktien positiv.
Der KI-Boom geht in die nächste Phase
Die jüngste Unsicherheit rund um künstliche Intelligenz ändert aus unserer Sicht nichts am strukturellen Trend. Der Zyklus geht vielmehr in eine nächste Phase, in der Anleger stärker unterscheiden müssen, welche Unternehmen tatsächlich profitieren.
Die großen Technologieunternehmen investieren weiterhin kräftig. Bei den KI-Enablern bleiben wir deshalb investiert. Dazu zählen Halbleiter, Strom und Netze, Elektrotechnik sowie Rohstoffe. Diese Bereiche profitieren weiterhin vom Ausbau der notwendigen Infrastruktur. Neben den direkten Profiteuren rücken auch zunehmend die KI-Anwender in den Fokus. Bei Banken, Softwareunternehmen und Biotechnologie wird entscheidend sein, welche Unternehmen durch den Einsatz von KI tatsächlich effizienter werden.
Gleichzeitig entstehen durch die Technologie auch neue Risiken. Gerade im Softwarebereich ist deshalb eine sorgfältige Titelauswahl entscheidend.
Diversifikation bleibt Teil der Positionierung
Technologische Revolutionen verlaufen nicht geradlinig. Auch bei einem intakten KI-Boom bleiben Rückschläge und stärkere Schwankungen möglich. Deshalb setzen wir neben den direkten Profiteuren und erfolgreichen Anwendern auch auf Diversifikatoren. Pharma- und Basiskonsumunternehmen können dazu beitragen, das Portfolio robuster aufzustellen. Energieunternehmen bieten zusätzlich Schutz, falls sich der Konflikt im Nahen Osten weiter verschärft.
Für die Positionierung bedeutet das: Bei den KI-Enablern bleiben wir investiert und nutzen Kursbewegungen für ein diszipliniertes Rebalancing. Bei den KI-Anwendern gewinnt die Titelauswahl an Bedeutung. Gleichzeitig sorgen Diversifikatoren für eine breitere Aufstellung des Portfolios. Kurzfristig stellen wir uns auf mehr Schwankungen ein. Mittelfristig bleiben wir für Aktien zuversichtlich.
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