Europa vor Aufholjagd? Selektivität statt Euphorie

Europa könnte von einer Beruhigung des geopolitischen Umfelds profitieren. Für Anleger rücken Qualität, Small Caps und gezieltes Stock-Picking wieder stärker in den Fokus.

Die Aktienmärkte haben sich im ersten Halbjahr trotz geopolitischer Spannungen, KI-Boom und hoher Liquidität überraschend robust entwickelt. Michel Saugné, CIO bei LFDE, sieht jedoch eine neue Marktphase heraufziehen: Während die großen Indizes nahe ihren Rekordständen notieren, dürften künftig wieder Gewinnwachstum, Bewertungen, Fundamentaldaten und Aktienrenditen über die Performance entscheiden. Anleger sollten daher strukturelle Wachstumstrends nutzen, zugleich aber übermäßige Konzentrationen auf einzelne Marktsegmente vermeiden.

Vor allem Europa könnte nach Einschätzung Saugnés vor einer Aufholbewegung stehen. Sollten sich die geopolitischen Spannungen weiter entspannen, könnten sinkende Energiepreise und ein geringeres Stagflationsrisiko den europäischen Aktienmärkten zusätzlichen Rückenwind verleihen. Da internationale Investoren europäische Titel nach wie vor historisch niedrig gewichten, sieht der CIO hier attraktive Umschichtungspotenziale.

Europa, interpretiert von GPT

Europa im Spannungsfeld, interpretiert von GPT

Besonders Small Caps und Qualitätsunternehmen hält Saugné für aussichtsreich. Nach zwei schwierigen Jahren hätten sich deren Bewertungen weitgehend normalisiert, während die Fundamentaldaten vielfach intakt geblieben seien. Rückenwind könnten zudem ein stärkerer US-Dollar sowie erste Anzeichen einer Nachfrageerholung im Luxussektor liefern. Auch Banken der Eurozone profitierten weiterhin von soliden Bilanzen, einem günstigen Zinsumfeld, attraktiven Ausschüttungen sowie steigender Produktivität durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz.

Auch auf der Anleiheseite rückt nach Ansicht des CIO die Duration wieder stärker in den Fokus. Sinkende Energiepreise könnten die Inflation weiter dämpfen und den Zentralbanken zusätzlichen Spielraum für Zinssenkungen verschaffen. Außerhalb Europas bleiben KI-Infrastruktur, kritische Rohstoffe sowie der japanische Aktienmarkt interessante Diversifikationsthemen. Japan profitiere von verbesserten Unternehmensstrukturen, Governance-Reformen und einer effizienteren Kapitalallokation.

Das Fazit fällt eindeutig aus: In einem Markt mit zunehmender Performance-Streuung und nachlassender Dominanz einzelner Schwergewichte gewinnt Selektivität wieder an Bedeutung. Weniger die Zugehörigkeit zu einem Index als vielmehr die Qualität des einzelnen Unternehmens dürfte künftig über den Anlageerfolg entscheiden.

Michel Saugné

Michel Saugné ist Chief Investment Officer (CIO) bei La Financière de l’Échiquier (LFDE). Die französische Vermögensverwaltungsgesellschaft verwaltet mehr als 26 Mrd. EUR und gehört seit 2023 zur LBP-AM-Gruppe.

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