Russlands Börse im freien Fall – der Kreml setzt andere Prioritäten

Der Kreml erlebt den längsten Börsenabschwung seit fast drei Jahrzehnten. Während der Aktienmarkt einbricht, stützen Schuldenerlasse und Staatsausgaben die Regionen.

Die russische Börse steckt tief in der Krise. Alexander Kolyandr und Alexandra Prokopenko von The Bell verweisen darauf, dass der MOEX-Index inzwischen 17 Wochen in Folge gefallen ist – die längste Verlustserie seit 1997. Seit Jahresbeginn summiert sich das Minus auf rund 23%, allein im Juli auf rund 9%. Damit notiert der Leitindex nur noch knapp über seinem Tiefstand vom Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022.

Bemerkenswert ist vor allem die langfristige Entwicklung: Nach Einbruch, Erholung und zwischenzeitlicher Erholung befindet sich der russische Aktienmarkt inzwischen nahezu wieder auf dem Niveau unmittelbar nach Kriegsbeginn. Anleger, die damals eingestiegen sind, hätten damit über mehr als vier Jahre praktisch keine Rendite erzielt. Die ambitionierten Pläne des Kremls, die Marktkapitalisierung des russischen Kapitalmarkts deutlich auszubauen, erscheinen aus Sicht der Autoren inzwischen kaum noch realistisch.

Parallel versucht der Staat, die Regionen finanziell zu entlasten. Allein 2026 wurden nach Angaben des russischen Finanzministeriums bereits 277 Mrd. RUB an Schulden gegenüber dem Föderalstaat erlassen – rund ein Fünftel mehr als im gesamten Vorjahr. Grundlage ist ein bereits 2024 beschlossenes Programm, das Schuldenerlasse von insgesamt rund 1,1 Bio. RUB vorsieht. Seit Beginn der Maßnahme profitierten bereits 74 Regionen.

Der Kreml hat derzeit andere Sorgen als Aktienkurse

Der Kreml hat derzeit andere Sorgen als Aktienkurse

Gleichzeitig verschärft sich jedoch der Inflationsdruck wieder. Nachdem sich die Preisentwicklung zuvor mehrere Monate beruhigt hatte, beschleunigte sich die Inflation im Juni deutlich. Ausschlaggebend waren vor allem die kräftig gestiegenen Kraftstoffpreise, die infolge der anhaltenden Treibstoffknappheit sowohl bei Benzin als auch Diesel spürbar anzogen. Damit wächst der Druck auf Verbraucher und Unternehmen erneut.

Das Fazit der Autoren fällt entsprechend nüchtern aus: Während der Kapitalmarkt weiter an Attraktivität verliert, konzentriert sich die russische Führung auf fiskalische Stabilisierung und die Finanzierung des Staates. Frei nach dem Titel des Beitrags gelte offenbar: ‚Some things are more important than the stock market‘.

Alexander Kolyandr und Alexandra Prokopenko schreiben für The Bell regelmäßig über die russische Wirtschaft, Finanzmärkte und Geldpolitik. Beide analysieren insbesondere die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs sowie die Entwicklung des russischen Finanzsystems.

—————-

! NEU ! Die erste BondGuide Jahresausgabe 2026 ist erschienen (12.Mai): ‚Green & Transition Finance 2026‘ kann wie gewohnt kostenlos als e-Magazin oder pdf heruntergeladen werden.

Bitte nutzen Sie für Fragen und Meinungen Twitter – damit die gesamte Community davon profitiert. Verfolgen Sie alle Diskussionen & News zeitnaher auf Twitter@bondguide !