Kündigungsrechte: Warum BondGuide schon lange genauer hinschaut

Vorzeitige Kündigungsrechte gehören für Anleiheinvestoren zu den meistunterschätzten Renditefaktoren. BondGuide berücksichtigt sie seit Langem systematisch – sowohl im Musterdepot als auch bei der Darstellung der einzelnen Emissionen.

BondGuide möchte diesen  Artikel um praxisrelevante Aspekte ergänzen, denn erst daraus ergibt sich für Anleger ein vollständiges Bild::

Anleger freuen sich verständlicherweise über steigende Anleihekurse. Doch gerade bei Unternehmensanleihen kann ein hoher Kurs zum Problem werden: Viele Emittenten besitzen das Recht, ihre Anleihen bereits vor dem eigentlichen Laufzeitende zu kündigen. Erfolgt die Rückzahlung dann beispielsweise zu 101 oder 102%, während die Anleihe am Markt bei 106 oder 107% notiert, schmilzt der vermeintliche Kursgewinn rasch dahin und ergibt die sog. Yield-to-first Call-Rendite.

Für BondGuide-Leser ist dieses Thema keineswegs neu. Vorzeitige Kündigungsmöglichkeiten gehören seit Jahren zu den Kriterien, die wir bei der Analyse von Unternehmensanleihen regelmäßig berücksichtigen. Denn letztlich zählt nicht allein der Kupon oder der aktuelle Börsenkurs, sondern die tatsächlich noch erzielbare Rendite bis zum nächstmöglichen Kündigungstermin. Diese muss jedoch um eine Einschätzung ergänzt werden, wie realistisch – oder überhaupt finanziell möglich – eine vorzeitige Kündigung der Anleihe seitens des Emittenten überhaupt wäre.

Ob eine Anleihe gekündigt werden kann oder darf, ist eine juristische Frage. Ob sie tatsächlich gekündigt wird, ist hingegen eine ökonomische.

Das zeigt sich speziell im BondGuide-Musterdepot. Dort tragen unsere Titel bewusst nicht ausschließlich die Bezeichnung 2025/30 oder 2024/29. Stattdessen verwenden wir seit Langem eine Schreibweise wie Schalke (27/30). Die erste Jahreszahl bezeichnet dabei nicht das Emissionsjahr, sondern den ersten möglichen Kündigungstermin. So erkennt der Leser bereits auf den ersten Blick, wann sich die Renditebetrachtung verändern kann.

Vorzeitige - oft nur theoretische! - Kündigungsrechte auf dem Radar behalten

Vorzeitige – oft nur theoretische! – Kündigungsrechte auf dem Radar behalten. Nur ein Entwurf: Die künftige Box wird detaillierter.

Gerade bei der FC Schalke 04-Anleihe spielt dieser Aspekt aktuell eine wichtige Rolle. Bereits vor einigen Wochen hatten wir im Musterdepot darauf hingewiesen, dass die Position aus Renditegesichtspunkten zunehmend interessant für Gewinnmitnahmen wird. Hintergrund ist nicht nur das inzwischen erreichte Kursniveau, sondern auch der im August erwartete Aufstiegsbonus von 1,5% nach dem ersten Spieltag. Mit Auszahlung dieses Bonus verschiebt sich das Chance-Risiko-Verhältnis nochmals zugunsten einer Renditesicherung.

Aber bleiben wir konkret: Schalke hat mit der Emission von Ende 2025 sage und schreibe 90 Mio. EUR vereinnahmt. Wie wahrscheinlich bzw. finanziell möglich wäre dem Jetzt-wieder-Bundesligisten eine vorzeitige Refinanzierung? Meines Erachtens asymptotisch bei 0%.

Voirzeitige Kündigungsreche bedeuten ausdrücklich nicht, dass ein Emittent zwingend von einem Kündigungsrecht Gebrauch machen wird. Diese Covenants einzubauen, ist bei den meisten Anleihen Standard. Ebenso wenig gilt jede hoch notierende Anleihe automatisch als Verkauf. Entscheidend bleibt vielmehr die Yield-to-Call, also die Rendite bis zum ersten möglichen [bzw. bis zum nächsten möglichen] Kündigungstermin. Gerade sie wird von vielen Marktteilnehmern häufig unterschätzt.

Für seriöse Anleiheinvestoren gehört die Analyse der Call-Struktur deshalb selbstverständlich dazu. Wer ausschließlich auf Laufzeitende und Nominalzins schaut, übersieht unter Umständen einen wesentlichen Teil der tatsächlichen Renditebetrachtung.

Genau deshalb betrachtet BondGuide Unternehmensanleihen seit jeher nicht nur nach Kupon, Laufzeit oder Kurs, sondern ebenso nach den vertraglichen Kündigungsrechten. Denn am Ende entscheidet nicht die schönste Kursentwicklung über den Anlageerfolg, sondern die tatsächlich realisierbare Rendite.

BondGuide wird bei jedem Musterdepottext alle zwei Wochen eine zusätzliche Box bringen, die wir wohl Call-Monitor nennen werden. In dieser werden wir unsere MD-Titel nicht nur nach vorzeitigen Kündigungsmöglichkeiten benennen, denn diese Info steht bereits in der großen Übersicht; der Mehrwert ergibt sich aus der gesamtökonomischen Einschätzung, wie wahrscheinlich dies überhaupt wäre.

Falko Bozicevic

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