Zinsen drehen – und Erträge vor Duration

Schwellenländer-Anleihen profitieren von soliden Fundamentaldaten – während Duration in Industrieländern zum Risiko wird.

Die Zeiten fallender Zinsen als verlässlicher Treiber für Anleihekurse scheinen vorbei. Leonard Kwan* von T. Rowe Price sieht die Geldpolitik in eine neue Phase eintreten: Die FED agiert vorsichtiger, während andere Notenbanken ihre Lockerung nur noch moderat fortsetzen. Gleichzeitig treiben steigende Defizite und höhere Emissionen die Laufzeitprämien nach oben – mit spürbaren Folgen für das Durationsrisiko.

Besonders in den Industrieländern führt diese Entwicklung zu steileren Zinskurven und erhöhtem Druck auf langlaufende Anleihen. In den Schwellenländern zeigt sich dagegen ein differenzierteres Bild: Viele Staaten verfügen über vergleichsweise solide Bilanzen und eine konservativere Fiskalpolitik, was die Anlageklasse zunehmend attraktiv erscheinen lässt.

Ein zentraler Faktor ist die sogenannte K-förmige Entwicklung der Weltwirtschaft. Während Vermögenspreise und Unternehmensgewinne robust bleiben, geraten Kaufkraft und Arbeitsmärkte unter Druck. Die Folge sind steigende staatliche Ausgaben und damit höhere Anleiheemissionen, die wiederum die Märkte belasten können. Gerade hier profitieren Emerging Markets von ihrer relativen Disziplin.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Kapitalallokation wider: Schwellenländer-Anleihen ziehen weiterhin Mittelzuflüsse an. Trotz historisch enger Credit Spreads bleiben die Renditen attraktiv – insbesondere im Vergleich zu Anleihen aus Industrieländern. Auf risikobereinigter Basis schneiden sie laut Kwan weiterhin überzeugend ab.

Der Oman

Der Fokus verschiebt sich dabei klar: Ertrag vor Duration. Ein Großteil der Kursgewinne aus der Niedrigzinsphase sei bereits realisiert, während längere Laufzeiten zunehmend anfällig für steigende Renditen werden. Strategien mit kurzer bis mittlerer Duration sowie selektive High-Yield- und Unternehmensanleihen aus Schwellenländern erscheinen daher besonders interessant.

Regional stechen vor allem Lateinamerika und Teile von Mittel- und Osteuropa hervor. Hohe Leitzinsen, verbesserte Außenbilanzen und teilweise sinkende Inflation schaffen attraktive Einstiegspunkte. Auch Südafrika profitiert als Rohstoffexporteur, während in Asien vor allem reformorientierte Länder Chancen bieten.

Schwellen- bzw. Frontier-Land Kirgistan - auch hier zählt Duration vor Ertrag

Schwellen- bzw. Frontier-Land Kirgistan

Ein zusätzlicher Treiber ist der Boom rund um Künstliche Intelligenz (KI). Die steigenden Investitionen erhöhen zwar das Angebot an Anleihen, sorgen aber gleichzeitig für Nachfrage nach Rohstoffen und Infrastruktur – Bereiche, in denen viele Schwellenländer stark positioniert sind. Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten, über Anleihen an strukturellem Wachstum zu partizipieren.

Fazit

Die Spielregeln am Rentenmarkt ändern sich. Während Duration zunehmend zum Risiko wird, rücken stabile Erträge und selektive Engagements in den Vordergrund. Schwellenländer-Anleihen könnten in diesem Umfeld eine wichtige Rolle als Rendite- und Diversifikationsquelle spielen.

Leonard Kwan

*) Leonard Kwan ist Portfoliomanager der Dynamic Emerging Markets Bond Strategy bei T. Rowe Price und verantwortet dort Investments in globale Schwellenländeranleihen mit Fokus auf risikoadjustierte Erträge.

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