
Kernenergie erlebt ein Comeback – getrieben von Energiekrisen, KI-Boom und politischem Umdenken. Auch Anleger entdecken neue Chancen.
Die Kernenergie feiert ihr Comeback – und das schneller, als viele erwartet hatten. Was nach Fukushima als Auslaufmodell galt, rückt nun wieder ins Zentrum der Energiepolitik. Treiber sind geopolitische Risiken, steigender Strombedarf und der Druck zur CO2-Reduktion. Eine Analyse von Sandro Rosa für ‚the market‘ (Neue Zürcher Zeitung, NZZ) zeigt: Die Atomkraft wird zunehmend wieder salonfähig.
Geopolitik zwingt zum Umdenken
Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten haben die Verwundbarkeit globaler Energiesysteme offengelegt. Rund 20% des weltweiten Öl- und Gasangebots passieren die Straße von Hormus – ein massives Klumpenrisiko. Europa spürte dies bereits nach dem russischen Angriff auf die Ukraine durch explodierende Gaspreise. Entsprechend wächst der politische Druck, auf verlässliche Energiequellen zu setzen – und genau hier punktet die Kernenergie.
Kernenergie trifft KI-Boom
Parallel explodiert der Strombedarf: Künstliche Intelligenz, Rechenzentren und Elektrifizierung treiben die Nachfrage massiv nach oben. Tech-Konzerne wie Microsoft, Alphabet oder Amazon setzen zunehmend auf CO2-freien Strom – und entdecken die Atomkraft als stabile Lösung. Anders als Wind und Solar liefert sie grundlastfähige Energie.
Politik öffnet die Tür wieder
Auch politisch dreht sich der Wind: Die USA planen, ihre Kernkraftkapazität bis 2050 zu vervierfachen. Auf globaler Ebene wurde auf der COP-28 eine Verdreifachung der Nuklearkapazitäten beschlossen. Selbst Europa, lange skeptisch, bewegt sich: Die EU stuft Kernenergie unter Bedingungen als ‚grün‘ ein und plant Investitionen von über 5 Mrd. EUR in Forschung. ‚Grün‘ heißt bei der EU, dass keine klimaschädlichen Treibhausgabe emittiert werden.
Und selbst in der Schweiz wird das AKW-Verbot infrage gestellt – ein bemerkenswerter Kurswechsel auch bei unseren Nachbarn.
Neue Technologie als Gamechanger
Ein Hoffnungsträger sind Small Modular Reactors (SMR) – kleinere, modular gebaute Reaktoren mit bis zu 300 MW Leistung. Sie versprechen geringere Kosten, kürzere Bauzeiten und höhere Sicherheit. Noch sind sie in der Entwicklung, doch sie könnten die Kernenergie skalierbarer machen.
Uran wird zum Engpassfaktor
Mit der Renaissance steigt auch die Nachfrage nach Uran. Bereits heute liegt die Produktion unter dem Bedarf. Die World Nuclear Association erwartet bis 2040 einen Kapazitätsanstieg um rund 90%. Gleichzeitig kämpfen Produzenten wie Kazatomprom oder Cameco mit Produktionsgrenzen. Die Folge: ein mögliches strukturelles Angebotsdefizit – und steigende Preise.
Kosten bleiben die Achillesferse
Trotz aller Dynamik bleibt die Kostenfrage kritisch. Viele Projekte in Europa und Nordamerika litten unter Budgetüberschreitungen und teils massivsten Verzögerungen. Doch Beispiele aus China und Südkorea zeigen: Mit Standardisierung und Skalierung lassen sich Projekte effizient umsetzen.
Fazit: strategischer Shift mit Investment-Story
Die Kernenergie steht vor einem strukturellen Comeback – getrieben von Geopolitik, Technologie, Klimazielen und vermeintlicher Alternativlosigkeit. Für Anleger eröffnet sich ein komplexes, aber chancenreiches Feld: von Uranproduzenten über Infrastruktur bis hin zu spezialisierten ETFs.
Die Analyse stammt von Sandro Rosa und wurde auf the market, einer Plattform der Neue Zürcher Zeitung, veröffentlicht.
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