
BondGuide im Gespräch mit Ingo Wegerich, Präsident des Interessenverbandes Kapitalmarkt KMU und Rechtsanwalt in eigener Kanzlei mit dem Schwerpunkt Kapitalmarktrecht. Mit Änderung des Prospektrechts sieht Wegerich v.a. viele kleinere Anleihen von Fußballclubs denkbar.
>> aus BondGuide 04-2026 vom 20. Feb. <<
BondGuide: Herr Wegerich, das Standortförderungsgesetz ist vor etwas mehr als einer Woche, am 10.02.2026, in Kraft getreten. Wie bewerten Sie als Präsident des Interessenverbandes Kapitalmarkt KMU, der Stimme des kapitalmarktorientierten Mittelstandes in Deutschland, der sich für bessere Finanzierungsbedingungen und weniger Bürokratie für kleine und mittlere Unternehmen am Kapitalmarkt einsetzt, dieses Gesetz, insbesondere mit Blick auf den Anleihemarkt?
Wegerich: Es gibt eine wirklich grundlegende Veränderung. Der 10.02.2026 mag in Zukunft ein wirklich richtungsweisendes Datum für kleine Kapitalmarktfinanzierungen sein. Zukünftig ist ein hundertseitiger Wertpapierprospekt, der zuvor in einem mehrmonatigen Verfahren von der Aufsichtsbehörde zu billigen war, bei einem öffentlichen Angebot von kleineren Anleihen bis zu 8 Mio. EUR nicht mehr erforderlich. Es reicht jetzt ein dreiseitiges Wertpapierinformationsblatt.
„Richtungsweisendes Datum für kleine Kapitalmarktfinanzierungen“
BondGuide: Wie kommt es zu der Änderung?
Wegerich: Der frühere § 6 Wertpapierprospektgesetz wurde durch das Standortförderungsgesetz gestrichen. § 6 WpPG sah für prospektfreie öffentliche Angebote bis zu 8 Mio. Euro Einzelanlageschwellen für nicht qualifizierte Anleger vor und weiter, dass die Wertpapiere ausschließlich im Wege einer Anlageberatung oder Anlagevermittlung über ein Wertpapierdienstleistungsunternehmen vermittelt werden mussten. Diese Regelung war wenig praktikabel und kostete die Emittenten zudem Geld für die Einbindung eines Wertpapierdienstleistungsunternehmens. Meine Mandanten haben sich dann in der Regel immer für einen aufwendigen Wertpapierprospekt entschieden, um die Wertpapiere ohne Hürden öffentlich anbieten zu können.
BondGuide: Ein Wertpapierprospekt ist nun nicht mehr erforderlich…
Wegerich: Genauso ist es. Hinzukommt, dass durch den EU-Listing Act ab dem 05.06.2026 das prospektfreie Volumen dann noch einmal erhöht wird – dann sind prospektfreie öffentliche Angebote sogar bis zu weniger als 12 Mio. EUR möglich – ausschließlich mit dreiseitigem Wertpapierinformationsblatt.
„Angebote bis zu 12 Mio. Euro ohne Wertpapierprospekt möglich“
BondGuide: Hat Ihr Interessenverband Kapitalmarkt KMU an dieser Gesetzesänderung mitgewirkt?
Wegerich: Das kann man sagen. Der Vorgänger des Standortförderungsgesetzes, das Anlegerschutz-Verbesserungsgesetz, sah noch vor, dass die Regelung nicht ersatzlos wegfallen sollte, sondern dass das Gestattungsverfahren für ein Wertpapierinformationsblatt bei Anhaltspunkten für das Bestehen von Anlegerschutzbedenken ausgesetzt werden konnte. Das hätte die Gestattungsverfahren für Unternehmen unberechenbar gemacht. Hiergegen haben wir uns als Interessenverband vehement ausgesprochen. Jetzt wurde § 6 WpPG ersatzlos gestrichen.
BondGuide: Was erwarten Sie? Welche Auswirkungen wird die Streichung von § 6 WpPG haben?
Wegerich: Ich erwarte tatsächlich eine große Welle von kleineren KMU-Anleihen ohne Wertpapierprospekt. Ein Mandant von mir ist der erste, der diesen Weg, prospektfreies öffentliches Angebot bis zu 8 Mio. EUR nur mit dreiseitigem Wertpapierinformationsblatt, nach der Gesetzesänderung beschreitet. Ein Prospektverfahren war ihm zu arbeits- und zeitaufwendig und zu teuer. Die Einzelanlageschwellen und die Vermittlung durch das Wertpapierdienstleistungs-Unternehmen empfand er als unpraktikabel. Als ich ihn auf die seinerzeit kommende Gesetzesänderung hinwies, war sofort das „go“ da.
„Erwarte eine große Welle von kleineren KMU-Anleihen ohne Wertpapierprospekt“
BondGuide: Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile eines öffentlichen Angebots nur mit Wertpapierinformationsblatt und ohne Wertpapierprospekt?
Wegerich: Zum einen differieren die Kosten für die Rechtsanwaltskanzlei, die Wertpapierinformationsblatt oder Wertpapierprospekt erstellt, ganz erheblich – einerseits ist ein dreiseitiges Informationsblatt zu erstellen – auf der anderen Seite ein hundertseitiger Wertpapierprospekt. Ein weiterer Vorteil liegt aber insbesondere auch in dem durch das Unternehmen eingesparten eigenen Zeit- bzw. Arbeitsaufwand bei der Erstellung des Wertpapierprospektes. Vielfach bindet dieser die Geschäftsführung bzw. die Finance-Abteilung des Unternehmens für Monate. Darüber hinaus bedarf es bei einem Wertpapierinformationsblatt keines geprüften Jahresabschlusses mehr. Auch hier kann das Unternehmen erheblich Kosten und Zeit sparen und ist dadurch bei der Emission deutlich flexibler.
BondGuide: Wer wird diese Regelung aus Ihrer Sicht insbesondere ausnutzen?
Wegerich: Ich sehe hier tatsächlich ein völlig neues Segment entstehen. Ein Segment für Mittelständler, die diese Anleihen an ihre Kunden, Interessenten und Ansprechpartner selbst platzieren. Dies sind dann eher technische Emissionen. Die Emittenten bieten die Wertpapiere im Wege der Direktemission an. Die juristische Beratung ist hier nur sehr eingeschränkt und damit kostengünstig. Für die technische Infrastruktur gibt es Software zu mieten, wie man digital Zeichnungsaufträge annehmen kann. Dies ist quasi ein neues Produkt, das man bankenunabhängig verstehen kann.
BondGuide: Welche Unternehmen sehen Sie hier beispielsweise?
Wegerich: Ich sehe hier insbesondere auch viele kleinere Anleihen von Fußballclubs, sogenannte Fan-Anleihen. Die bankunabhängige Finanzierung von Fußballclubs ist ein Thema, dem ich mich intensiver gewidmet habe und widme. Ich habe hierzu viel veröffentlicht, habe mehrfach für die DFL zu diesem Thema referiert und war und bin hierzu mit vielen Clubs im Gespräch und habe beispielsweise auch den SV Werder Bremen rechtlich bei seiner ersten Anleihe begleitet. Das ist öffentlich bekannt.
„Sehe insbesondere auch viele kleinere Anleihen von Fußballclubs“
BondGuide: Wieso Fußballclubs?
Wegerich: Ganz einfach: Bei den kleineren Fußballclubs – ich spreche hier von der dritten und mit Einschränkungen auch von der zweiten Liga – fallen die Kosten für einen Wertpapierprospekt besonders ins Gewicht. Bei den größeren Anleihen ist der größere Kostenblock die platzierende Bank. Bei diesen kleineren Anleihen dürften Banken infolge der geringeren Liquidität und Größe der Anleihen als Platzierer nicht in Betracht kommen. Hier geht es um Anleihen, die primär durch den Club selbst an die eigenen Fans platziert werden. Kleinere Volumina für Infrastrukturausgaben wie beispielsweise Stadionaus- und -umbau oder den Bau eines Nachwuchsleistungszentrums – oder auch für die Digitalisierung der Clubs. Hier sind die Kosten für einen Wertpapierprospekt der große Kostenblock, der nun wegfällt. Ich war in der Vergangenheit mit mehreren Clubs im Austausch, die sich für das Thema Fan-Anleihe interessiert haben. Die hohen Fixkosten für die Erstellung eines Wertpapierprospekts haben diese Clubs abgeschreckt – und natürlich auch der hohe Arbeits- und Zeitaufwand für den Geschäftsführer bei der Zuarbeit zum Wertpapierprospekt.
BondGuide: Das ist nachvollziehbar.
Wegerich: Mit einer Fan-Anleihe kann der Club die Fans in Zukunftsprojekte des Clubs einbinden. Es besteht eine emotionale Bindung. Das ist eine tolle Sache. Diesen Vorteil hat der klassische Mittelständler nicht.
BondGuide: Herr Wegerich, ganz herzlichen Dank für die Details!
Interview: Falko Bozicevic
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