
Neue EE-Marktchancen, neue Anleihe der Hamburger reconcept – darauf scheint Verlass. Mit Geschäftsführer Karsten Reetz sprach BondGuide dieses Mal darüber, ob die deutsche ‚Energiewende‘ noch nach Plan abläuft, wo es immer noch hakt und warum die reconcept jetzt Chancen in der Windenergie identifiziert hat.
Das Interview mit reconcept-CEO Karsten Reetz wurde ursprünglich am 12. Juni 2026 im BondGuide Newsletter #12-2026 veröffentlicht.
BondGuide: Herr Reetz, Sie sind seit fast drei Jahrzehnten in den Erneuerbaren Energien aktiv. Wenn Sie die aktuelle Marktphase mit früheren Boom- und Krisenzeiten vergleichen: Befinden wir uns heute am Beginn eines neuen langfristigen Zyklus oder bereits mitten darin?
Reetz: Wir befinden uns in einer sehr spannenden und zugleich entscheidenden Phase der Energiewende. Der Ausbau der Erneuerbaren schreitet voran, gleichzeitig wird immer deutlicher, dass Stromerzeugung allein nicht ausreicht. Entscheidend ist das intelligente Zusammenspiel aus Wind- und Solarenergie, Speichern und Netzinfrastruktur. Gerade die Windenergie wird aufgrund ihrer hohen und vergleichsweise konstanten Erträge auch künftig eine tragende Rolle im Energiesystem spielen. Gleichzeitig werden Batteriespeicher zunehmend unverzichtbar, um Erzeugung und Verbrauch zeitlich besser aufeinander abzustimmen. Deutschland hat diesen Trend zwar spät erkannt, befindet sich inzwischen aber auf einem guten Weg. Der Markt professionalisiert sich gerade deutlich – technologisch wie finanziell.
BondGuide: …aber flexibel bleiben müssen wir doch auch.
Reetz: Ja, absolut. Genau deshalb werden Batteriespeicher zu einer Schlüsseltechnologie der Energiewende. Sie schaffen die notwendige Flexibilität, um die wachsenden Strommengen aus Wind- und Solarenergie effizient zu nutzen. Strom muss verfügbar sein, wenn er gebraucht wird – nicht nur dann, wenn Wind weht oder die Sonne scheint. Deshalb planen wir unsere Solarprojekte inzwischen in der Regel in Kombination mit Batteriespeichern. Ähnliche Entwicklungen erwarte ich auch im Windbereich. Für Investoren ist das aus meiner Sicht ein sehr spannender Markt.
BondGuide: Auffällig ist die Laufzeit Ihrer neuen Anleihe. Während viele Mittelstandsanleihen über fünf Jahre laufen, haben Sie sich bei dieser für sieben Jahre entschieden. Spiegelt das die längeren Entwicklungszyklen in der Windenergie wider – oder ist die Energiewende aus Ihrer Sicht grundsätzlich ein Zehnjahres- statt ein Fünfjahresthema?
Reetz: Die Energiewende wird uns sicherlich noch viele Jahre begleiten. Der konkrete Grund für die siebenjährige Laufzeit ist vergleichsweise einfach: Wir kalkulieren heute für die Entwicklung eines Windprojekts mit fünf bis sechs Jahren. Gleichzeitig wissen wir, dass sich einzelne Projekte durch Genehmigungsverfahren, Behördenprozesse oder Netzanschlüsse verzögern können. Deshalb haben wir bewusst einen zeitlichen Puffer eingebaut. Hinzu kommt, dass wir Projekte nicht immer im gleichen Entwicklungsstadium erwerben. Die siebenjährige Laufzeit gibt uns die notwendige Flexibilität, unterschiedliche Projektphasen innerhalb des Portfolios sinnvoll abzubilden.
„Insbesondere bei der Windenergie liegen wir noch nicht dort, wo wir mit Blick auf die Ausbauziele und den künftig steigenden Strombedarf sein müssten.“
BondGuide: Die Politik diskutiert häufig über zusätzliche Windkraftanlagen. Gleichzeitig scheint der Netzausbau stärker zum Engpass zu werden. Haben wir inzwischen weniger ein Erzeugungsproblem als vielmehr ein Infrastrukturproblem?
Reetz: Im Grunde ja – wobei wir weiterhin sowohl beim Ausbau der Erzeugungskapazitäten als auch bei der Infrastruktur vor großen Aufgaben stehen. Insbesondere bei der Windenergie liegen wir noch nicht dort, wo wir mit Blick auf die Ausbauziele und den künftig steigenden Strombedarf sein müssten. Gleichzeitig wird aber immer deutlicher, dass Netze, Speicher und intelligente Steuerungssysteme zum entscheidenden Erfolgsfaktor der Energiewende werden. Wir produzieren beispielsweise im Norden Deutschlands erhebliche Mengen Windstrom, können diesen jedoch nicht immer zuverlässig in die großen Verbrauchszentren transportieren. Deshalb müssen Windenergieanlagen teilweise ihre Leistung reduzieren, obwohl ausreichend Wind vorhanden wäre. Für das Gelingen der Energiewende brauchen wir daher beides: einen beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Erzeugungskapazitäten und eine Infrastruktur, die mit diesem Wachstum Schritt hält.
BondGuide: Könnten wir nicht endlich mal von anderen Ländern abschauen?
Reetz: Andere Länder gehen teilweise pragmatischer vor. In Finnland etwa, einem unserer Fokusmärkte, werden Windparkbetreiber stärker in den Ausbau der Netzinfrastruktur eingebunden. Wer dort einen Windpark entwickelt, beteiligt sich häufig auch an den notwendigen Leitungen bis zum Netzanschlusspunkt. Solche Modelle zeigen, dass man Erzeugung und Infrastruktur stärker zusammendenken kann. In Deutschland denken wir hingegen häufig noch zu stark in einzelnen Zuständigkeiten – dabei braucht die Energiewende dringend integrierte Lösungen.
„Repowering bedeutet deshalb nicht nur mehr Effizienz, sondern häufig auch eine höhere Akzeptanz vor Ort.“
BondGuide: In diesem Zusammenhang gewinnt das Repowering bestehender Standorte an Bedeutung. Ist Repowering der effizienteste Weg, unsere heimische Stromerzeugung auszubauen?
Reetz: In vielen Fällen ja. Genau darin liegt der große Charme des Repowerings: Ältere Anlagen, die häufig seit mehr als 20 Jahren in Betrieb sind, werden durch moderne und deutlich leistungsfähigere Windenergieanlagen ersetzt. Dadurch sinkt die Zahl der Anlagen auf einer Fläche, während die Stromproduktion gleichzeitig deutlich steigt. Ein einfaches Beispiel: Vor zwanzig Jahren wurden häufig Anlagen mit 600 Kilowatt oder einem Megawatt Leistung errichtet. Damals war das State-of-the-Art. Zehn solcher Anlagen kamen zusammen auf rund zehn Megawatt. Heute kann eine einzelne moderne Anlage eine Leistung von acht Megawatt oder mehr erreichen. Mit deutlich weniger Anlagen lässt sich also mindestens die gleiche, oft sogar eine wesentlich höhere Strommenge erzeugen. Repowering bedeutet deshalb nicht nur mehr Effizienz, sondern häufig auch eine höhere Akzeptanz vor Ort.
BondGuide: Die technische Entwicklung scheint also noch lange nicht abgeschlossen.
Reetz: Keineswegs. Als ich vor rund 30 Jahren in die Branche kam, galt eine Ein-Megawatt-Anlage als etwas Besonderes. Heute werden an Land bereits Anlagen mit Leistungen von sieben Megawatt und mehr geplant – eine Entwicklung, die damals kaum vorstellbar gewesen wäre. Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir zunehmend Anlagen mit acht, neun oder sogar zehn Megawatt an Land sehen werden. Die Entwicklung wird durch größere Rotoren, höhere Türme und enorme Fortschritte in der Materialtechnik ermöglicht. Moderne Anlagen erreichen inzwischen Dimensionen, die vor wenigen Jahren noch kaum vorstellbar waren. Je höher die Anlage steht, desto bessere Windverhältnisse können genutzt werden. Gleichzeitig steigern längere Rotorblätter die Energieausbeute erheblich. Die technologische Entwicklung ist also in der Tat noch längst nicht abgeschlossen.
„Die Herausforderung liegt längst nicht mehr nur in der Technik der Windanlage selbst.“
BondGuide: Gibt es bei dieser Entwicklung nicht irgendwo natürliche Grenzen? – ich denke da vor allem an die Logistik.
Reetz: Die gibt es durchaus, insbesondere bei Transport und Logistik. Schon heute müssen Spezialisten prüfen, ob Rotorblätter, Türme und andere Komponenten überhaupt zum Standort transportiert werden können. Brücken, Straßenführungen oder Geländestrukturen können zu limitierenden Faktoren werden. Teilweise sind sogar Infrastrukturmaßnahmen notwendig, um einen Transport erst zu ermöglichen. Das zeigt, wie komplex moderne Windenergieprojekte inzwischen geworden sind. Die Herausforderung liegt also längst nicht mehr nur in der Technik der Anlage selbst.
BondGuide: Ihre Traumfee hat Sie beglückt und nun haben Sie einen Wunsch frei – aber nur einen. Welchen Missstand würden Sie sofort beseitigen?
Reetz: Ganz klar die Engpässe bei der Integration erneuerbarer Energien in unserem Energiesystem. Dazu gehört der Netzausbau, aber auch der schnellere Ausbau von Speichern und mehr Flexibilität im Stromsystem. Viele Projekte könnten deutlich schneller umgesetzt und deutlich effizienter betrieben werden, wenn ausreichend Netzkapazitäten und Anschlussmöglichkeiten zur Verfügung stünden. Gleichzeitig müssen wir erneuerbaren Strom besser speichern und flexibel nutzen können. Aus meiner Sicht ist das derzeit der größte Engpass für den weiteren Ausbau der Energiewende. Ohne leistungsfähige Netze, Speicher und intelligente Steuerungssysteme können wir das Potenzial zusätzlicher Erzeugungskapazitäten nicht vollständig ausschöpfen.
BondGuide: Blicken wir zehn Jahre nach vorn – und von dort zurück: Woran würden Sie festmachen, dass die Energiewende in Deutschland gelungen ist?
Reetz: Für mich wäre die Energiewende gelungen, wenn wir in zehn Jahren auf ein Energiesystem blicken, das Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz gleichermaßen gewährleistet. Erneuerbare Energien haben bereits heute bewiesen, dass sie tragende Säulen einer modernen Energieversorgung und zugleich ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sein können. Die entscheidende Aufgabe liegt nun darin, Erzeugung, Speicher, Netze und Flexibilität zu einem leistungsfähigen Gesamtsystem zusammenzuführen. Wenn Energie zuverlässig, bezahlbar und nachhaltig verfügbar ist und wir gleichzeitig unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken konnten, dann werden wir zeigen, dass die Energiewende nicht nur ökologisch notwendig, sondern auch wirtschaftlich und gesellschaftlich ein Erfolgsmodell ist.
„Diskussionen über längst getroffene grundlegende Richtungsentscheidungen sind kontraproduktiv.“
BondGuide: In der politischen Diskussion wird jedoch immer wieder über Kernenergie oder längere Laufzeiten fossiler Kraftwerke diskutiert. Wie sehen Sie das, sind wir in Deutschland zu halbherzig, kündigen nur gern viel an, aber dann steht doch wieder ein Urnengang irgendwo an?
Reetz: Ich halte diese Debatten für politisch motiviert. Gerade bei der Kernenergie wird oft sehr verkürzt argumentiert. Häufig wird nur über die reinen Erzeugungskosten gesprochen, während andere zentrale Themen wie Endlagerung oder langfristige Sicherheitskosten ausgeblendet werden. Für mich gehören sie selbstverständlich zur Gesamtbetrachtung dazu. Deshalb sehe ich die Zukunft weiterhin klar in einem Mix aus erneuerbaren Energien, Speichern und einer leistungsfähigen Infrastruktur. Diskussionen über längst getroffene grundlegende Richtungsentscheidungen sind kontraproduktiv.
„Unternehmen und Investoren brauchen Verlässlichkeit – dann bin ich überzeugt, dass die Energiewende ihren Weg erfolgreich weitergehen wird.“
BondGuide: Und was ist aus Ihrer Sicht das größte Risiko für die Energiewende in den kommenden Jahren?
Reetz: Das größte Risiko ist eben ein nachlassender politischer Wille. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist von verlässlichen politischen Rahmenbedingungen abhängig. Gleichzeitig sehe ich die Energiewende heute deutlich gefestigter als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Die Klimaziele sind gesetzlich verankert, die wirtschaftliche Bedeutung der Branche ist enorm gewachsen und die Notwendigkeit der Transformation wird international breit anerkannt. Entscheidend bleibt deshalb, dass langfristige Ziele unabhängig von kurzfristigen politischen Stimmungen konsequent verfolgt werden. Unternehmen und Investoren brauchen Verlässlichkeit – dann bin ich überzeugt, dass die Energiewende ihren Weg erfolgreich weitergehen wird.
BondGuide: Zum Abschluss: Worüber werden wir beim nächsten Gespräch vermutlich sprechen?
Reetz: Vielleicht über neue internationale Märkte. Der weltweite Energiebedarf steigt, gleichzeitig suchen viele Länder nach Möglichkeiten, ihre Energieversorgung unabhängiger, sicherer und wirtschaftlicher zu gestalten. Daraus ergeben sich große Chancen für erneuerbare Energien. Insbesondere in Teilen Asiens beobachten wir eine hohe Dynamik. Steigende Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten und der Wunsch nach größerer Versorgungssicherheit beschleunigen dort den Ausbau erneuerbarer Energien erheblich. In einigen Ländern sind fossile Energieträger für Unternehmen und Bevölkerung zunehmend kostspielig geworden, wodurch alternative Energielösungen zusätzlich an Attraktivität gewinnen. Deshalb prüfen wir aktuell entsprechende Marktchancen.
BondGuide: Herr Reetz, einmal mehr ganz herzlichen Dank an Sie!
Das Interview führte Falko Bozicevic.
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