30 Mrd EUR für ein Megakabel aus der Wüste?

Deutschland sucht den Anschluss

Ein Wind- und Solarprojekt in Marokko soll Deutschland mit Strom versorgen. Für 30 Mrd EUR sieht aream-CEO Patrick Lemcke-Braselmann jedoch bessere Alternativen direkt vor der eigenen Haustür.

Unter dem Namen Sila Atlantik soll in Marokko ein Wind- und Solarpark mit 15 GW Leistung entstehen. Der Strom soll über ein rund 4.800 Kilometer langes Seekabel nach Deutschland gelangen und bis zu 5% des heutigen deutschen Stromverbrauchs decken. Für Patrick Lemcke-Braselmann, CEO der aream Group, ist das Projekt allerdings technisch wie wirtschaftlich kaum sinnvoll.

Denn für die veranschlagten 30 bis 40 Mrd. EUR ließe sich in Deutschland ein hybrides Portfolio aus Photovoltaik, Windkraft und Batteriespeichern errichten. Lemcke-Braselmann rechnet beispielhaft mit 12 GW Photovoltaik für rund 5,8 Mrd. EUR und weiteren 8 GW Windkraft für rund 12 Mrd. EUR. Die verbleibenden Mittel könnten in Speicher fließen.

Das deutsche Portfolio käme demnach auf eine jährliche Stromproduktion von rund 29 bis 30 TWh. Sila Atlantik könne dagegen bestenfalls rund 26 TWh liefern – und müsste zusätzlich die Übertragungsverluste des 4.800 Kilometer langen Seekabels verkraften. Diese könnten laut aream einen zweistelligen Prozentsatz erreichen.

Das Projekt in Marokko soll 30 Mrd EUR umfassen

Das Projekt in Marokko soll 30 Mrd EUR umfassen

Auch die Übertragungskapazität wirft Fragen auf. Das Kabel soll zweimal 1,8 GW übertragen können. Von den 15 GW installierter Leistung in Marokko könnte damit stets nur ein Teil gleichzeitig nach Europa gelangen. Der Rest müsste vor Ort genutzt oder anderweitig verarbeitet werden. Das Projekt erinnert damit an Desertec, dessen große Solarstromvision bereits in den 2000er Jahren an wirtschaftlichen und geopolitischen Hürden scheiterte.

Hinzu kommen geopolitische Risiken. Deutschland habe sich in den vergangenen Jahren mit erheblichem Aufwand aus der Abhängigkeit von russischen Energieimporten gelöst. Eine neue Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferketten und einer langen, potenziell verwundbaren Unterwasser-Infrastruktur sei daher kaum überzeugend. ‚Erst lösen wir uns mit großem Aufwand aus einer Abhängigkeit, um dann eine neue zu planen‘, kritisiert Lemcke-Braselmann.

Fraglich ist zudem, wann das Projekt überhaupt Realität werden könnte. Streitigkeiten über den institutionellen Rahmen und staatliche Garantien verzögern den Zeitplan bereits. Marokko fordert außerdem ein zwischenstaatliches Abkommen mit Stromflüssen in beide Richtungen. Auch die deutsche Erfahrung mit Leitungsprojekten spricht nicht unbedingt für eine schnelle Umsetzung: Die rund 700 Kilometer lange SuedLink-Trasse befindet sich seit mehr als einem Jahrzehnt in Planung und ist noch nicht in Betrieb.

Für 30 Mrd. EUR sieht aream daher bessere Einsatzmöglichkeiten im Inland: Windkraft, Photovoltaik und Speicher könnten Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland schaffen, während die Transportwege kurz blieben und zusätzliche geopolitische Risiken vermieden würden. ‚Für die Energiewende braucht es kein Megakabel in die Sahara‘, so Lemcke-Braselmann. Entscheidend sei vielmehr mehr Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland.

Patrick Lemcke-Braselmann, aream

Patrick Lemcke-Braselmann ist CEO der aream Group SE. Das 2005 gegründete Unternehmen entwickelt und managt nachhaltige Infrastrukturinvestments mit Schwerpunkt auf erneuerbaren Energien, darunter Wind- und Solarparks, Netze und Speicher. Seit 2008 hat aream nach eigenen Angaben mehr als 4 Mrd. kWh grünen Strom produziert.

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