
Die DVFA wollte in der jüngsten Monatsfrage von ihren Investment Professionals wissen, welche Folgen der gestiegenen Energiepreise sie für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, die Kapitalmärkte, den Ausbau erneuerbarer Energien sowie die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Bereiche erwarten. Darüber hinaus wurden die Teilnehmer gefragt, wie die Wirtschaftspolitik auf die hohen Energiepreise reagieren sollte.
„Es gehört seit Monaten wohl wieder etwas stärker zur Routine von Kapitalmarktprofis, bereits morgens einen kritischen Blick auf die Energiepreise zu werfen. Entsprechend wollten wir bei unseren Mitgliedern erfragen, wie sie die Lage und Konsequenzen beurteilen“, kommentiert Roger Peeters, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DVFA, die jüngste Monatsumfrage der DVFA. „Dabei ergibt sich ein differenziertes Bild. Gefahren für die Konjunktur werden gesehen. Die Kapitalmärkte scheinen hingegen robuster zu bleiben als etwa in den 70er-Jahren.“
Hohe Energiepreise bergen Risiken für die europäische Wirtschaft
Mit Blick auf die europäische Wirtschaft erwarten fast zwei Drittel (64%) der Investment Professionals infolge der hohen Energiepreise negative Auswirkungen auf die Konjunktur. Während 28% mit einer spürbaren Wachstumsabschwächung rechnen, sehen 36% eine erhöhte Rezessionsgefahr, insbesondere für Deutschland und die Industrie.
Deutlich weniger Befragte rechnen mit begrenzten wirtschaftlichen Auswirkungen (18%). Weitere 11% gehen davon aus, dass sich die Energiepreise wieder normalisieren und die ökonomischen Belastungen zurückgehen werden. 7% der Teilnehmer wollten sich zu dieser Frage derzeit nicht festlegen und halten eine klare Aussage aktuell für nicht möglich beziehungsweise nicht sinnvoll.
Kapitalmärkte: Mehrheit erwartet keinen größeren Einbruch
Bei der Einschätzung der Auswirkungen hoher Energiepreise auf die Kapitalmärkte zeigt sich dagegen eine überwiegend positive Grundhaltung. Das gilt insbesondere für die europäischen Märkte. Insgesamt erwarten fast zwei Drittel (65%) keinen größeren Einbruch der Kapitalmärkte. Während 37% von anhaltender Volatilität ohne stärkere Kursverluste ausgehen, rechnen 28% mit größeren Belastungen einzelner energieintensiver Branchen, nicht jedoch des Gesamtmarktes.
Dagegen warnt jeder vierte Teilnehmer (25%), dass die Kapitalmärkte derzeit die Risiken eines Energiepreisschocks unterschätzten. Fast ein Zehntel (9%) wählte die Antwort, die Energiepreise könnten einen deutlichen Rückgang der Indizes auslösen. Dies gelte insbesondere für die auf Energieimporte angewiesenen Nationen. Nur ein Prozent rechnet damit, dass das Thema zeitnah gelöst sein wird und die Märkte anschließend positiv reagieren.
Hohe Energiepreise könnten Energieeffizienz und erneuerbare Energien stärken
Jeder zweite Umfrageteilnehmer erwartet positive Auswirkungen dauerhaft hoher Preise für fossile Energieträger auf die Energiewende. Während 29% davon ausgehen, dass diese die Energieeffizienz und Elektrifizierung der Wirtschaft fördern, erwarten 21% eine erhebliche Beschleunigung der Investitionen in erneuerbare Energien.
Die andere Hälfte der Umfrageteilnehmer sieht jedoch hinsichtlich der sogenannten „Energiewende“ deutlich weniger positive Effekte. So verweist mehr als jeder Vierte (27%) auf das Risiko, dass hohe Energiekosten Investitionen erschweren und die Transformation bremsen. Jeweils 11% der Befragten halten die positiven Auswirkungen hoher Energiepreise für überschätzt, da andere Faktoren wichtiger seien. Ebenso viele erwarten eine Renaissance der Erdgasförderung in Europa, nicht zuletzt durch den Einsatz von Fracking-Technologie.
Energie- und Rohstoffunternehmen als Profiteure
Zur Frage, welche Bereiche von einem anhaltend hohen Energiepreisniveau profitieren könnten, konnten bis zu zwei Antworten ausgewählt werden. Insgesamt kamen hier Energie- und Rohstoffunternehmen auf Platz eins (38% aller Antworten), gefolgt von den Anbietern erneuerbarer Energien und Cleantech-Lösungen (31%). Infrastruktur- und Versorgerwerte werden danach aus hohen Preisen für fossile Energie seltener als Profiteure eingeschätzt (16%). Auch für realwertgesicherte Anlageformen wie inflationsgeschützte Anleihen und Sachwerte generell werden im Vergleich geringere Chancen gesehen (13% der Antworten).
Klare wirtschaftspolitische Empfehlung: Ausbau des Energieangebots hat Priorität
Schließlich fragte die DVFA, welche wirtschaftspolitische Reaktion auf die hohen Energiepreise am sinnvollsten wäre. Das Ergebnis fiel recht klar aus: Fast die Hälfte aller Teilnehmer (48%) empfiehlt den beschleunigten Ausbau von Energieangebot, Netzen und Speichertechnologien. Ein Fünftel (20%) legte die Priorität dagegen auf die Versorgungssicherheit. Sie müsse erhöht werden und auch Vorrang vor Klimaschutz haben.
Vorübergehende Entlastungen bei Energieabgaben und Steuern befürworten 9% der Teilnehmer. Lediglich 2% sprechen sich für staatliche Hilfen zugunsten energieintensiver Unternehmen aus.
Ebenfalls ein Fünftel der Umfrageteilnehmer spricht sich dagegen für einen weitgehenden Verzicht auf staatliche Eingriffe aus. Stattdessen sollten die Marktmechanismen wirken.
„Insgesamt lässt sich aus den Antworten unserer Financial Professionals der Schluss ziehen, dass an größerer Autarkie und Energieeffizienz wohl kein Weg vorbeiführt“, fasst Roger Peeters die Ergebnisse zusammen. „Diese werden nicht durch vorübergehende Entlastung, sondern vielmehr durch die Lösung des ursächlichen Problems angestrebt. Dabei wird der Verbreiterung des Energieangebots und der Erhöhung der Versorgungssicherheit hohe Bedeutung eingeräumt.“
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