
Roelof Salomons, BlackRock Investment Institute, kommentiert das Ergebnis der gestrigen Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB):
Die Europäische Zentralbank sieht sich weiterhin „in einer guten Position, um abzuwarten und die Entwicklung zu beobachten“ und hat die Leitzinsen gestern unverändert bei 2,0% belassen. Sie nimmt damit eine vorsichtige Zwischenposition ein – nicht unbedingt bequem, aber besser, als eine Fehlentscheidung zu riskieren. Die Inflation bleibt zäh, während das Wachstum sich als hinreichend robust erweist. Bemerkenswert ist, dass die EZB die Risiken für das Wachstum inzwischen ausgewogener einschätzt, weniger stark nach unten geneigt als zuvor.
Präsidentin Christine Lagarde bekräftigte, dass man von Sitzung zu Sitzung entscheide, ohne sich im Voraus festzulegen. Der Dezember war von Beginn an der realistischste Termin für eine mögliche Zinssenkung – allerdings nur, wenn die Inflation weiter zurückgeht und sich die Wachstumsrisiken stärker nach unten verschieben. Eine weitere Senkung noch in diesem Jahr erscheint eher unwahrscheinlich.
Das Wirtschaftswachstum bleibt solide, wenn auch wenig spektakulär. Die neuen EZB-Prognosen heben das BIP-Wachstum für 2025 auf rund 1,2% an. Für 2026 und 2027 wurden die Schätzungen leicht auf 1,0% bzw. 1,3% angepasst. Überraschend erwarten die Währungshüter für die langfristige Inflation nun einen leichten Rückgang auf 1,9%.
Die Teuerung bleibt hartnäckig, da das Lohnwachstum nach wie vor hoch ist. Die Gesamtinflation stieg im August leicht auf 2,1%, während die Kernrate bei 2,3% verharrte. Gleichwohl deuten vorlaufende Indikatoren auf ein Abklingen des Lohnauftriebs hin, und die EZB-Prognosen gehen für 2026 und 2027 von einer Inflation unter 2,0% aus. Der Euro hat sich seit Juni handelsgewichtet um 3,0% aufgewertet, was zusätzlichen disinflationären Druck bringt.
Die Märkte rechnen nach wie vor damit, dass der Einlagensatz bis Jahresende bei 2,0% bleibt; die Hürde für eine weitere Zinssenkung ist hoch. Wir erwarten nicht, dass die politische Lage in Frankreich die Entscheidungen der EZB beeinflusst. Die Risikoprämien auf französische Staatsanleihen (OATs) dürften erhöht bleiben. Allerdings sind Bedenken über expansive Fiskalpolitik und steigende Schuldenlast ein globales Thema und haben die Märkte in den letzten Monaten wesentlich bewegt.
Die vorsichtige Haltung der EZB liefert kurzfristig nur wenige neue Impulse für Anlageentscheidungen. Wir sehen fiskalische Sorgen, die langfristig die Renditen globaler Anleihen nach oben treiben könnten. Wir halten an unserer relativen Präferenz für europäische Langläufer und Unternehmensanleihen gegenüber anderen entwickelten Märkten fest. Europäische Aktien profitieren von fiskalischen Unterstützungsmaßnahmen und relativer Stabilität, doch ihr Potenzial bleibt durch Zölle, politische Unsicherheiten und Europas Reformbedarf begrenzt.
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