Open Source stellt KI-Boom auf die Probe

Christoph Gisiger von The Market sieht den KI-Sektor vor einer Richtungsentscheidung. Open-Source-Modelle könnten die Spielregeln neu schreiben.

Die Aktienmärkte bleiben zwischen geopolitischen Risiken und dem KI-Boom hin- und hergerissen. Für Christoph Gisiger, USA-Korrespondent und Redakteur von The Market, stehen dabei derzeit zwei Entwicklungen im Mittelpunkt: die Eskalationsgefahr im Nahen Osten und die wachsende Konkurrenz durch leistungsfähige Open-Source-KI aus China.

Während der S&P 500 zuletzt knapp 1% zulegte und der Nasdaq 100 rund 2% gewann, verschiebt sich die Marktführung zunehmend. Höhere Ölpreise haben Energiewerte seit Jahresbeginn an die Spitze der Sektorenperformance gebracht und den Technologiesektor überholt. Hintergrund sind neue Spannungen im Nahen Osten. Nach den Störungen in der Straße von Hormus droht nun auch die Meerenge von Bab al-Mandab zum geopolitischen Nadelöhr für den globalen Energiehandel zu werden.

Mindestens ebenso aufmerksam verfolgt die Börse jedoch die jüngsten Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz. Mit Kimi K3 hat der chinesische Entwickler Moonshot AI ein leistungsfähiges Open-Source-Modell vorgestellt, das nach Einschätzung Gisigers qualitativ an führende US-Systeme heranreicht, gleichzeitig aber deutlich günstiger eingesetzt werden kann.

Quelle: The Market by NZZ

Quelle: The Market by NZZ

Gerade dieser Open-Source-Ansatz könnte den Wettbewerb im KI-Markt grundlegend verändern. Unternehmen können solche Modelle herunterladen, mit eigenen Daten trainieren und individuell anpassen. Damit sinken die Eintrittsbarrieren erheblich – ein Trend, der sich zunehmend auch in amerikanischen Unternehmen durchsetzt.

Für Investoren ergeben sich daraus zwei denkbare Szenarien. Einerseits könnten effizientere Modelle den Bedarf an teurer Rechenleistung reduzieren und damit die enormen Investitionen in KI-Infrastruktur infrage stellen. Andererseits könnte gerade die günstigere Verfügbarkeit künstlicher Intelligenz deren Verbreitung beschleunigen und den Bedarf an Chips und Rechenzentren weiter ansteigen lassen. Die jüngste Kursrally bei Halbleiterwerten spricht derzeit dafür, dass der Markt auf die zweite Variante setzt.

Besonders kritisch wäre ein Durchbruch von Open Source für Anbieter geschlossener KI-Modelle. Sollten große Sprachmodelle zunehmend austauschbar werden, drohten sinkende Margen. Entsprechend warnt Gisiger, dass Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic, die sich auf mögliche Börsengänge vorbereiten, unter erheblichen Wettbewerbsdruck geraten könnten. Dass beide Unternehmen in Washington verstärkt auf regulatorische Schutzmaßnahmen gegenüber chinesischen Wettbewerbern drängen, überrascht aus seiner Sicht daher kaum.

Neue Hinweise erwarten Anleger bereits mit der laufenden Berichtssaison. Den Auftakt machen unter anderem Alphabet, Tesla, IBM, Texas Instruments, ServiceNow und Intel. Insbesondere die Aussagen zum KI-Geschäft und zu Open-Source-Strategien dürften nach Einschätzung Gisigers aufmerksam verfolgt werden.

Christoph Giesinger

Christoph Giesinger

Abseits der teuren US-Technologiewerte verweist der Autor zudem auf alternative Anlagechancen. Im Gespräch mit Value-Investor Cole Smead rücken insbesondere europäische Banken sowie kanadische Energieunternehmen als mögliche Profiteure eines breiter aufgestellten Marktumfelds in den Fokus.

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