
Die Börse sortiert sich neu: Während KI- und Technologiewerte unter Druck geraten, gewinnen andere Branchen an Breite. Was Anleger jetzt beachten sollten.
Der Oktober hat an den Aktienmärkten einen bemerkenswerten Wechsel gebracht: Zahlreiche bisherige Börsenfavoriten aus dem Technologie- und KI-Bereich gerieten teils deutlich unter Druck, während Energieunternehmen, defensive Konsumwerte, Versorger und Gesundheitsaktien gefragt waren. Die großen Indizes vermittelten damit ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Marktverfassung. Manche Marktbeobachter sprechen inzwischen von einer „versteckten Baisse“. Michael Titz, Leiter Investment Office beim Bankhaus Herzogpark, sieht allerdings auch Anzeichen einer gesünderen Marktbreite.
Gewinne stark, Überraschungen gering

Heute zählt’s in den USA: die Midterm-Wahlen könnten Trump 2.0 gehörig ausbremsen bei seinen Eskapaden
Die US-Berichtssaison liefert weiterhin beeindruckende Zahlen. Für das dritte Quartal zeichnet sich ein Gewinnwachstum von rund 30% gegenüber dem Vorjahr ab. Sämtliche elf großen Branchen weisen steigende Gewinne auf. Gleichzeitig fällt die positive Überraschung gegenüber den Analystenerwartungen mit knapp 2% vergleichsweise gering aus – gegenüber einem Fünfjahresdurchschnitt von rund 7,5%. Die Unternehmen verdienen also gut, übertreffen die bereits hohen Erwartungen aber nur noch knapp.
Besonders bei den großen Technologiekonzernen hinterfragen Anleger zunehmend das Verhältnis zwischen hohen Investitionen, künftigen Erträgen und Bewertungen. Der KI-Boom ist wirtschaftlich längst Realität, doch der Ausbau der Infrastruktur bindet erhebliche Mittel und belastet bei einigen Unternehmen den freien Cashflow. Entscheidend wird, welche Anbieter ihre Investitionen dauerhaft in angemessene Kapitalrenditen umsetzen können. Eine grundsätzliche Absage an KI ist das nicht – vielmehr eine differenziertere Bewertung der möglichen Gewinner.
Konjunktur robust, Zinswende nicht ausgemacht
Die Weltwirtschaft zeigt sich weiterhin widerstandsfähig. Die US-Wirtschaft wuchs im dritten Quartal annualisiert um 3,4%, der Euroraum legte gegenüber dem Vorquartal um 0,4% zu. Auch in Deutschland hellten sich die Geschäftserwartungen leicht auf, während die Einschätzung der aktuellen Lage verhalten blieb. Gleichzeitig bestehen Inflationsrisiken fort. Höhere Energiepreise könnten erneut auf Produktionskosten und Verbraucherpreise durchschlagen.
An den Anleihemärkten entspannte sich die Lage im Oktober nach dem Renditeanstieg der Vormonate. Frankreich bleibt mit seinen Haushaltsproblemen und politischen Unsicherheiten ein Sonderrisiko. Eine nachhaltige Zinswende lässt sich aus der jüngsten Entwicklung jedoch nicht ableiten. Titz sieht zwar zunehmend Potenzial für einen schrittweisen Aufbau der Duration, bevorzugt dabei aber weiterhin hohe Bonitäten und bleibt vorsichtig.
Politik und KI-Börsengänge als nächste Prüfsteine
Die US-Zwischenwahlen am 3. November könnten die politischen Handlungsspielräume von Präsident Donald Trump verändern. Für die Kapitalmärkte sind vor allem mögliche Folgen für Finanzpolitik, Staatsverschuldung, Handel und Regulierung relevant. Ein geteilter Kongress wäre dabei keineswegs automatisch gut für die Börse.
Auch der geplante Börsengang des KI-Unternehmens Anthropic könnte im November zum Stimmungstest für den Sektor werden. Die Bewertung wird zeigen, wie viel Risikobereitschaft Anleger nach den jüngsten Kurskorrekturen noch mitbringen.
Breite Aufstellung statt einseitiger Wetten
Für Titz bleibt die fundamentale Ausgangslage trotz der Rotation grundsätzlich intakt. Er hält an einer neutralen Aktienquote fest und setzt auf breite Diversifikation, die neben ausgewählten Wachstumsunternehmen auch Qualitäts- und Valueaktien umfasst. Regelmäßiges Rebalancing soll verhindern, dass einzelne Positionen das Portfoliorisiko dominieren.
Gold bleibt ein strategischer Diversifikationsbaustein. Nach der scharfen Korrektur könnte sich mittelfristig eine antizyklische Kaufgelegenheit ergeben. Bei Anleihen wiederum haben die gestiegenen Renditen das Chancen-Risiko-Verhältnis längerer Laufzeiten verbessert – Geduld bleibt angesichts der unsicheren Inflations- und Zinsentwicklung dennoch gefragt.
Nicht die Begeisterung für einzelne Zukunftsthemen, sondern das Zusammenspiel von Gewinnen, Bewertungen und solider Finanzierung dürfte künftig wieder stärker über den Anlageerfolg entscheiden.
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