Vier Jahre Krieg: Was aus ehemaligen West-Unternehmen in Russland wurde

Seit dem Rückzug westlicher Unternehmen aus Russland sind Milliardenwerte in russische Hände übergegangen. Doch die Geschäfte stagnieren.

Mehr als 500 internationale Unternehmen haben sich seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine aus Russland zurückgezogen und dabei Vermögenswerte im Gesamtwert von rund 170 Mrd. USD abgeschrieben, analysiert Denis Kasyanchuk für The BELL. Die Käufer kamen vielfach aus Russland und erhielten hochwertige Produktionsanlagen, Infrastruktur und etablierte Geschäftsmodelle zu teils drastisch reduzierten Preisen.

Vier Jahre später fällt die Bilanz ernüchternd aus: Die ehemaligen West-Unternehmen verzeichneten laut einer Analyse von The Bell kaum Wachstum, während die russische Wirtschaft insgesamt ihre Umsätze um rund 40% steigern konnte.

Verkauf unter staatlicher Kontrolle

Mit Beginn der Invasion am 24. Februar 2022 standen ausländische Unternehmen vor der Wahl, sich trotz des Reputationsrisikos in Russland zu halten oder ihre über Jahre aufgebauten Geschäfte zu deutlich reduzierten Preisen zu verkaufen. Nach Angaben der Kyiv School of Economics (KSE) haben 565 Unternehmen ihre Vermögenswerte seitdem verkauft oder liquidiert.

Die Bedingungen waren dabei weit von einem marktüblichen Verkauf entfernt. Unternehmen mussten ihre Assets teilweise mit Abschlägen von 90 bis 100% veräußern und zusätzlich eine staatliche Exit-Steuer entrichten. Auch die Käufer konnten nicht frei gewählt werden: Die zuständige Regierungskommission unter Leitung von Finanzminister Anton Siluanov musste den jeweiligen Deal genehmigen.

Russland hat unter Putin fast auf Kriegswirtschaft umgestellt.

Russland hat unter Putin fast auf Kriegswirtschaft umgestellt.

Zu den Profiteuren gehörten prominente russische Unternehmer wie Wladimir Potanin und der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow, aber auch zuvor international weitgehend unbekannte Geschäftsleute. So gingen die russischen Werke von Volkswagen und Hyundai an den Autohändler Alexander Warshawski, der unter anderem als Lieferant für Sicherheitsbehörden bekannt ist.

Die ehemaligen Werke von Continental und Bridgestone übernahm der Lotterieunternehmer Armen Sargsyan. Beide Käufer verfügten laut The Bell zuvor über keine Erfahrung mit Unternehmen dieser Größenordnung, unterhielten jedoch enge Beziehungen zu hochrangigen russischen Funktionären.

Westliche Strukturen, russische Eigentümer

Was die neuen Eigentümer erhielten, bezeichnete Wladimir Putin als „substantial legacy“: Produktionsanlagen, Infrastruktur, qualifizierte Mitarbeiter und westlich geprägte Geschäftsprozesse. Gleichzeitig waren viele der übernommenen Unternehmen auf internationale Lieferketten angewiesen, die infolge der Sanktionen unterbrochen wurden.

Die notwendige Umstrukturierung erwies sich entsprechend als schwierig. Teilweise dauerte sie mehrere Jahre und ist laut The Bell in einigen Fällen bis heute nicht abgeschlossen.

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Das Ergebnis: Die Probleme scheinen die Chancen zu überwiegen. Trotz der Übernahme hochwertiger Assets blieb das Wachstum der ehemaligen West-Unternehmen nahezu aus.

Russlands Wirtschaft gerät unter Druck

Hinzu kommen die unmittelbaren Folgen des Krieges. Die Ukraine weitet ihre Angriffe auf russische Wirtschafts- und Energieinfrastruktur aus. Erstmals wurde zuletzt auch Ozon, einer der größten russischen E-Commerce-Anbieter und Hauptkonkurrent von Wildberries, Ziel ukrainischer Drohnenangriffe. Sieben Lagerhäuser wurden bei einer Serie von Angriffen getroffen.

Die russischen Behörden reagieren zunehmend nervös und setzen laut The Bell auch auf die Drohung einer Verstaatlichung, um Unternehmen zu eigenen Investitionen in den Schutz ihrer Infrastruktur zu bewegen.

Auch die russische Ölindustrie steht unter erheblichem Druck. Seit Anfang August wurden russische Raffinerien laut Bloomberg mindestens 21-mal von ukrainischen Kräften angegriffen – mehr als in jedem anderen Kriegsmonat. Eine zwischenzeitliche Beruhigung des Treibstoffmarktes in der zweiten Julihälfte erwies sich damit als kurzlebig.

Denis Kasyanchuk

Der Rückzug westlicher Unternehmen hat Russland somit zwar zahlreiche hochwertige Vermögenswerte zu ungewöhnlich günstigen Konditionen beschert. Die Übernahme allein reicht jedoch offenbar nicht aus, um deren frühere wirtschaftliche Dynamik zu erhalten.

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