
Kosmetik am Kapitalmarkt: Ein steigendes BIP blendet den rasanten Verfall des globalen Naturkapitals völlig aus.
Der globale Wohlstand wächst scheinbar unaufhaltsam – das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) eilt schließlich seit Jahrzehnten von einem Rekord zum nächsten. Alexis Bienvenu, Fondsmanager beim französischen Vermögensverwalter LFDE (La Financière de l’Echiquier), warnt indes vor einer gravierenden Schieflage in der klassischen volkswirtschaftlichen Bilanzierung. Die traditionelle Messung erfasst lediglich die jährliche Wirtschaftsleistung sowie das Realkapital, blende den rasanten Verschleiß der globalen Ressourcen jedoch komplett aus.
Aus diesem Blickwinkel betrachtet fällt die reale Einschätzung zum Thema Wohlstand deutlich düsterer aus. Laut dem Bericht ‚The Economics of Biodiversity‘ stieg das Humankapital pro Kopf zwischen 1992 und 2014 zwar um etwa 13%, während sich das Realkapital weltweit verdoppelte – zeitgleich sackte das globale Naturkapital pro Kopf jedoch um fast 40% ab. Dieser massive Wertverlust schaffe immense ‚implizite Umweltverbindlichkeiten‘: eine Vielzahl künftiger Risiken und Kosten, die den echten Wohlstand belasten, in den Bilanzen der Staaten bislang jedoch überhaupt nicht auftauchen.
Die anstehende Weltbiodiversitätskonferenz COP17 in Jerewan könnte hierbei einen wichtigen Wendepunkt markieren. Das zugrundeliegende Rahmenwerk von Kunming-Montreal zielt darauf ab, bis 2030 jährlich mindestens 200 Mrd. USD aus verschiedenen Quellen für den Naturschutz zu mobilisieren. Durch die verpflichtende Einführung des UN-Umweltrechnungssystems SEEA dürften Statistikinstitute künftig den echten Wert von Ökosystemen beziffern. Die Zerstörung eines Feuchtgebiets schlägt dann nicht mehr nur als positiver Bau-Umsatz zu Buche, sondern wird direkt mit dem Verlust an biologischer Vielfalt verrechnet – ein neues Verständnis, das folglich auch den langfristigen Wohlstand sichere.
Dieses Umdenken verändert indes auch die aktive Vermögensverwaltung nachhaltig. Die Fondsgesellschaft LFDE bewertet Investments zunehmend nach ihrem ökologischen Beitrag: Der Fonds Echiquier Positive Impact Europe investiert beispielsweise gezielt in zukunftsträchtige Unternehmen, die das kollektive Naturerbe bewahren, um so einen realen Mehrwert für Investoren zu generieren.
Alexis Bienvenu ist erfahrener Fondsmanager bei La Financière de l’Echiquier (LFDE). Die 1991 gegründete Gesellschaft gehört zu den führenden Vermögensverwaltern Frankreichs und betreut ein Vermögen von über 26 Mrd. EUR für institutionelle Kunden und Privatanleger.
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