Schluss mit Warten

Mehr Eigenverantwortung der Unternehmen, weniger Warten: Staatliche Rahmenbedingungen sind wichtig, ersetzen aber keine Entscheidungen und Umsetzung.

Deutschland wartet: auf niedrigere Energiepreise, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen und eine Industriestrategie, die wieder mehr Planungssicherheit schafft. Das ist verständlich. Doch daraus darf keine Voraussetzung für unternehmerisches Handeln werden. Denn Abwarten ist keine Wirtschaftsstrategie, argumentiert Essayist Norman Müller.

Der Staat hat wichtige Aufgaben. Er muss Infrastruktur finanzieren, Bildung ermöglichen und einen verlässlichen regulatorischen Rahmen schaffen. Öffentliche Investitionen und Förderprogramme können Voraussetzungen verbessern. Eine unternehmerische Entscheidung ersetzen können sie jedoch nicht. Ein Förderprogramm entwickelt kein Produkt, ein politischer Beschluss schafft keine Kundenbeziehung und eine neue Industriestrategie verändert nicht automatisch Geschäftsmodelle oder Prozesse.

Genau hier liegt aus Sicht von Müller ein Problem: Aus der berechtigten Erwartung an bessere Rahmenbedingungen sei vielerorts eine Voraussetzung für eigenes Handeln geworden. Erst sollen die Regeln stimmen, dann soll investiert werden. Erst soll der Standort wieder wettbewerbsfähig sein, dann sollen neue Geschäftsmodelle entstehen. So werde Unsicherheit zur Ausrede.

Schluss mit Warten - Handeln!

Schluss mit Warten – Handeln!

KI zeigt die Lücke besonders deutlich

Besonders sichtbar wird diese Diskrepanz bei der Künstlichen Intelligenz. Deutschland und Europa investieren in Rechenzentren, Forschung, Startups und Infrastruktur. Gleichzeitig ist KI längst in deutschen Unternehmen angekommen. Das Problem sei daher weniger die Erkenntnis, dass KI wichtig ist, sondern die Lücke zwischen Erkenntnis und Konsequenz.

Viele Unternehmen testen einzelne Anwendungen, ohne Prozesse grundlegend neu zu denken. Sie sprechen über Datenqualität, ohne zu klären, welche Daten für welches Geschäftsproblem benötigt werden. Die Technologie selbst sei deshalb häufig nicht der Engpass. Entscheidend sei die Bereitschaft, aus einer technischen Möglichkeit eine unternehmerische Entscheidung zu machen.

Eine KI-Anwendung wird nicht allein dadurch produktiv, dass sie funktioniert. Produktiv wird sie erst, wenn Zuständigkeiten verändert, Arbeitsabläufe neu geordnet und die damit verbundenen Risiken übernommen werden.

Kooperation statt Inseldenken

Komplexe Innovationen entstehen zudem selten an einem einzigen Ort. Ein industrielles KI-System benötigt Daten, Prozesswissen, Infrastruktur, Fachleute, Kapital und einen Kunden, der die Anwendung unter realen Bedingungen einsetzt. Fehlt ein Element, bleibt aus der Idee schnell ein Pilot.

Daher komme es künftig stärker darauf an, unterschiedliche Kompetenzen miteinander zu verbinden. Vertrauen sei dafür die Grundlage, reiche allein aber nicht aus. Erst wenn daraus Verantwortung, konkrete Vereinbarungen, Geld, Zeit und Zuständigkeiten entstehen, werde Zusammenarbeit verbindlich.

Genau diesen Ansatz verfolgt laut Müller auch der Bundesverband für KI-Transformation e.V. mit dem Projekt VentureX. Gemeinsam mit QLero und U-KNOW.AI soll ein KI-Betriebssystem für den Mittelstand entstehen, das Anwendungen mit Unternehmenswissen und -abläufen verbindet. Das Projekt befinde sich noch im Aufbau und soll gerade deshalb zeigen, ob unterschiedliche Kompetenzen an einer konkreten Aufgabe tatsächlich zusammenfinden.

Kein Warten auf den perfekten Moment

Deutschland brauche keinen großen politischen Slogan, sondern Unternehmen, die anfangen. Politik müsse schneller werden, bessere Bedingungen schaffen und dies dürfe auch eingefordert werden. Die eigene Zukunft dürfe jedoch nicht davon abhängig gemacht werden, dass der Staat schneller handelt.

Norman Müller

Die nächste Phase der deutschen Wirtschaft werde deshalb auch von der Qualität der Kooperationen abhängen, die Unternehmen heute beginnen. Wer seine Daten teilt, mit Startups arbeitet oder Forschung in Anwendungen überführt, wird nicht automatisch erfolgreich sein. Wer gar nicht beginnt, habe allerdings bereits entschieden.

Deutschland wird nicht gerettet werden. Deutschland wird erneuert von Menschen, die unter unvollkommenen Bedingungen Verantwortung übernehmen. Radikale Eigenverantwortung der Wirtschaft bedeute dabei nicht Rückzug, sondern Erwachsenwerden.

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