Russlands Ölrausch war kurz – und ist jetzt vorbei

Der Krieg im Iran ließ die Ölpreise kurzzeitig steigen. Doch vom Ölrausch profitierte Russland deutlich weniger als vielfach erwartet.

Der Krieg zwischen Israel und Iran bescherte Russland vorübergehend höhere Ölpreise, eine teilweise Entspannung bei den Sanktionen sowie zusätzliche Nachfrage aus Asien. Doch der erhoffte finanzielle Befreiungsschlag für den russischen Staatshaushalt blieb aus, schreiben Alexander Kolyandr und Alexandra Prokopenko von The Bell. Statt eines neuen Ölbooms sei lediglich ein begrenzter Zusatzertrag entstanden.

Zwar notierte Brent-Öl zeitweise bei nahezu 120 USD je Barrel. Die Haushaltszahlen für April und Mai zeigten jedoch, dass sich dies nur begrenzt in den Staatseinnahmen niedergeschlagen habe. Im April lagen die Öl- und Gaseinnahmen sogar unter dem Vorjahresniveau. Im Mai ergab sich zwar ein Anstieg um fast ein Drittel, dieser reichte nach Einschätzung der Autoren jedoch bei weitem nicht aus, um das seit Jahresbeginn aufgelaufene Haushaltsdefizit wesentlich zu verringern. In den ersten fünf Monaten des Jahres seien die Öl- und Gaseinnahmen insgesamt sogar um 29% zurückgegangen.

Der Krieg um die Ukraine wird zunehmend kostspielig - der Ölrausch des 2ten Quartals ist jetzt zudem vorbei

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Als Ursache nennen die Autoren drei gleichzeitig wirkende Faktoren. Zum einen hätten ukrainische Angriffe auf Energieinfrastruktur die Exportmöglichkeiten beeinträchtigt. Zum anderen schmälere der starke Rubel die in Landeswährung verbuchten Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Hinzu kämen anhaltende internationale Sanktionen und Handelsbeschränkungen, die Russland daran hinderten, das höhere Preisniveau vollständig auszunutzen. Russisches Öl nehmen ‚befreundete Länder‘ nur mit Abschlägen auf die Weltmarktpreise ab.

Parallel verschärften sich weitere wirtschaftliche Probleme. So setzt der russische Staat nach Angaben der Autoren seine Verstaatlichungspolitik fort. Jüngstes Beispiel sei der größte russische Wälzlagerhersteller European Bearings Corporation (EBC), dessen Vermögenswerte im Zuge eines Korruptionsverfahrens verstaatlicht werden sollen.

Auch im Bankensektor nehme der Druck zu. Das strukturelle Liquiditätsdefizit habe sich seit Jahresbeginn auf rund 2 Bio. Rubel nahezu vervierfacht. Hintergrund sei vor allem die stark gestiegene Nachfrage nach Bargeld. Banken müssten deshalb verstärkt auf Refinanzierung durch die russische Zentralbank zurückgreifen.

Das Fazit der Autoren: Der kurzfristige Ölpreisanstieg habe Moskau zwar etwas Luft verschafft. Für eine nachhaltige Entlastung der russischen Staatsfinanzen reiche dies jedoch bei Weitem nicht aus.

Alexander Kolyandr ist Journalist und Analyst mit Schwerpunkt Russland und Osteuropa. Alexandra Prokopenko ist Wirtschaftsexpertin bei The Bell und analysiert insbesondere die russische Finanz- und Geldpolitik.

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