
Wie stark Kreditrisiken von Geografie, Lieferketten und gemeinsamen physischen Risikofaktoren abhängen können, zeigte das Niedrigwasser u.a. am Rhein.
Mitte August sank der Pegel bei Kaub zeitweise auf nur sechs Zentimeter. Für die Industrie am Rhein ist das mehr als ein Logistikproblem, argumentiert Dr. Johannes Feist, CEO von MK Global Kapital: Weniger Ladekapazität auf Frachtschiffen, steigende Transportkosten oder Produktionsdrosselungen können Umsätze und Cashflows belasten und damit auch die Bonität von Unternehmen schwächen. Eine Prognos-Modellrechnung für das Handelsblatt bezifferte die möglichen Einbußen beim Produktionswert auf bis zu 912,8 Mio. EUR, davon rund 425 Mio. EUR in der Chemieindustrie.
Für Kreditinvestoren liegt die entscheidende Erkenntnis jedoch tiefer: Ein Portfolio kann nach Schuldnern, Branchen und Ländern breit diversifiziert erscheinen und dennoch einem gemeinsamen Risiko ausgesetzt sein. Hängen etwa ein Chemieunternehmen, ein Lebensmittelhersteller und ein Landwirtschaftsbetrieb vom selben Flusssystem oder derselben von Trockenheit betroffenen Region ab, können ihre Cashflows gleichzeitig unter Druck geraten.
Die Europäische Zentralbank zeigt, wie stark dabei nationale Durchschnittswerte täuschen können. In einem modellierten 100-Jahres-Dürreszenario waren auf Länderebene rund 9% der Wirtschaftsleistung des Euroraums potenziell von Oberflächenwasserknappheit betroffen; bei höherer räumlicher Auflösung waren es rund 24%. Auf Basis von AnaCredit-Daten waren zudem mehr als 19% der betrachteten Bankkredite gegenüber Oberflächenwasserknappheit exponiert, unter Einbeziehung von Grundwasserknappheit rund 22%. Die Werte sind ausdrücklich keine Verlust- oder Ausfallprognosen.
Damit gehört Wasser zunehmend in die Kreditanalyse. Entscheidend ist, ob ein Schuldner bei Produktion, Transport oder Lieferkette von Wasserverfügbarkeit abhängig ist, welche Alternativen bestehen und welche Investitionen die Verwundbarkeit reduzieren können. Gerade bei kleineren Unternehmen kann hierfür zusätzlich die Qualität lokaler Kredit- und Leasingpartner entscheidend sein.
Auch eine Finanzierung mit ökologischem Nutzen ist dabei nicht automatisch ein gutes Kreditinvestment. Eine effizientere Bewässerungsanlage kann den Wasserverbrauch je Produktionseinheit senken, gleichzeitig aber durch höhere Produktion den Gesamtverbrauch steigern. Für Anleger müssen deshalb Umweltwirkung und Kreditwirkung getrennt betrachtet werden.
Die niedrigen Rheinpegel liefern letztlich ein anschauliches Beispiel für ein Risiko, das in klassischen Diversifikationsmodellen leicht unsichtbar bleibt: Mehrere Kreditnehmer können vom selben Flusssystem, derselben Region oder derselben Lieferkette abhängen. Erst wenn diese Verbindungen berücksichtigt werden, lässt sich beurteilen, wie belastbar die Diversifikation tatsächlich ist.
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