Neuemission im Fokus: SEICON Energy setzt auf Energieplattform statt Ein-Geschäft-Modell

SEICON Energy finanziert mit einer 7,5%-Anleihe bis zu 20 Mio. EUR Wachstum in Photovoltaik, Energievertrieb und comparista.

Die SEICON Energy GmbH gehört zu den Debütemittenten am deutschen KMU-Anleihemarkt. Mit der SEICON Anleihe 2026/31 will das Berliner Unternehmen bis zu 20 Mio. EUR aufnehmen. Davon entfallen bis zu 8 Mio. EUR auf das öffentliche Angebot, weitere bis zu 12 Mio. EUR sollen über Privatplatzierungen eingesammelt werden. Die Anleihe ist mit einem Kupon von 7,5% p.a. ausgestattet und läuft fünf Jahre bis zum 1. Juni 2031.

Die Stückelung beträgt 1.000 EUR, die Rückzahlung erfolgt wie gewohnt zu 100%. Die erste Zinszahlung ist für den 1. Juni 2027 vorgesehen. Eine Einbeziehung in den Freiverkehr der Frankfurter Börse sei geplant, werde aber später festgelegt.

Die Zeichnungsfrist für das öffentliche Angebot läuft laut WIB voraussichtlich bis zum 15. April 2027, wobei eine Verkürzung bei Vollplatzierung möglich ist.

Vorzeitige Kündigungsmöglichkeit der Emittentin (sog. First Call): SEICON kann erstmals zum 31. Dezember 2029 kündigen, dann allerdings mit einer Vorfälligkeitsentschädigung von 2,5% auf den Nennbetrag. Für Anleger bedeutet das bei einer vorzeitigen Rückzahlung immerhin einen gewissen Ausgleich für die verkürzte Laufzeit.

SEICON Anleihedetails kompakt

SEICON Anleihedetails kompakt

Unternehmen

SEICON versteht sich nicht als klassischer Energievermittler und keineswegs als reiner PV-Projektierer. Das Unternehmen bezeichnet sich vielmehr als integrierte Energieplattform, die Energiebeschaffung, Energieerzeugung und Energieinvestment miteinander verbindet. Hinzu kommt mit der Vergleichsplattform comparista ein digitaler Baustein.

Das Geschäftsmodell reicht von der Beschaffung von Strom und Gas für mittelständische Unternehmen über Energieaudits und CO2-Kompensation bis zur Entwicklung und Errichtung von Photovoltaikanlagen auf Gewerbedächern und Freiflächen, teilweise ergänzt um Batteriespeicher. Künftig sollen auch Contracting-Modelle hinzukommen, bei denen SEICON Flächen pachtet und selbst in die Anlagen investiert.

Gründer und Geschäftsführer Paul Herrmann beschreibt SEICON im BondGuide-Interview entsprechend als Energieplattform, bei der nicht der einzelne Strom- oder Gasvertrag im Vordergrund stehe, sondern der gesamte Energiehaushalt eines Unternehmens. Die Umsatzverdopplung 2025 sei organisch erfolgt; zusätzliche Wachstumsimpulse erwarte Herrmann insbesondere aus gewerblicher Photovoltaik und Eigenenergieerzeugung.

Ein weiterer Baustein ist comparista. Das geplante Vergleichsportal soll Angebote für Gewerbestrom, Gewerbegas, Photovoltaik und perspektivisch weitere Energiethemen digital vergleichbar machen. Damit will SEICON seine langjährige Online- und Vertriebserfahrung in einen skalierbaren digitalen Vertriebskanal überführen.

Gründer und CEO Paul Herrmann

Zahlen und Wachstum

Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist durchaus dynamisch: Nach 0,8 Mio. EUR Umsatz 2023 und 4,9 Mio. EUR 2024 wurden 2025 bereits 9,9 Mio. EUR erreicht. Das Eigenkapital lag zum Jahresende 2025 bei 1,9 Mio. EUR, die Bilanzsumme bei 4,3 Mio. EUR. Für 2026 sind knapp 20 Mio. EUR Umsatz geplant; 2027 sollen es 67,7 Mio. EUR und 2028 bereits über 100 Mio. EUR sein. Diese Planwerte sind wesentlich ambitionierter als die historische Entwicklung der SEICON und entsprechend ein zentraler Prüfstein der Investmentstory.

Auch die Projektpipeline ist beachtlich. Auf der aktuellen Unternehmensseite nennt SEICON mehr als 500 MWp Pipeline in der Energieerzeugung für Gewerbedach- und Freiflächenprojekte sowie mehr als 275 B2B-Bestandskunden im deutschen Mittelstand. Im Gespräch mit BondGuide bezifferte Herrmann allein die aktuell vorhandenen Aufdach-PV-Projekte auf rund 45 Mio. EUR. Die Pipeline ist damit deutlich größer als das Volumen der Debütanleihe.

Gerade diesen Punkt stellt Herrmann im Interview heraus: SEICON investiert nur in dem Umfang, in dem Mittel zufließen. Wird weniger als das angestrebte Anleihevolumen platziert, sollen entsprechend weniger Projekte umgesetzt werden. Das ist für einen Debütemittenten ein durchaus wichtiger Unterschied zu einer Finanzierung, bei der zunächst Kapital aufgenommen und erst anschließend nach geeigneten Projekten gesucht wird.

Mittelverwendung

Die Mittelverwendung ist relativ klar abgegrenzt. Nach dem WIB sollen die Nettoemissionserlöse ungefähr zu einem Drittel in die Vorfinanzierung bereits verkaufter PV-Anlagen bis zur Fertigstellung und Kundenabnahme fließen. Ein weiteres Drittel ist für den Ausbau des B2C- und B2B-Geschäfts mit Strom- und Gasvermittlung vorgesehen. Ein letztes Drittel entfällt auf den Aufbau von comparista, insbesondere IT, Software und Personal.

Aufdach-PV auf einer Gewerbehalle – hier ein beispielhaftes Bild

Damit wird die Anleihe nicht ausschließlich zur Finanzierung von Sachwerten eingesetzt. Ein erheblicher Teil fließt in Vertrieb und den Aufbau eines digitalen Geschäftsmodells. Das erhöht einerseits die Wachstumschancen, andererseits aber auch die Umsetzungsrisiken.

Markt und Wettbewerb

Der Markt ist grundsätzlich groß: Energieversorgung, Energieeffizienz und dezentrale Erzeugung gehören zu den strukturellen Investitionsthemen der kommenden Jahre. Gerade mittelständische Unternehmen stehen vor der Aufgabe, Energiekosten zu optimieren und zugleich stärker auf Eigenerzeugung und planbare Beschaffung zu setzen.

SEICON positioniert sich dabei zwischen mehreren etablierten Wettbewerbsgruppen: Energievermittlern und -beratern, PV-Projektierern bzw. Generalunternehmern, klassischen Energieversorgern und zunehmend auch digitalen Vergleichsplattformen. Der Ansatz, diese Bereiche in einer Plattform zusammenzuführen, kann ein Differenzierungsmerkmal sein – muss sich aber auch operativ erst beweisen.

Das Unternehmen versucht, die einzelnen Geschäftsfelder gegenseitig zu verstärken: Ein gewonnener Gewerbekunde kann beispielsweise nicht nur einen Strom- oder Gasvertrag beziehen, sondern später auch eine PV-Anlage, ein Contracting-Modell oder ein Investmentprodukt nachfragen. comparista wiederum soll zusätzlichen digitalen Zugang zu Kunden schaffen. Das ist konzeptionell interessant, verlangt aber eine entsprechend funktionierende Vertriebsorganisation.

Stärken & Chancen, Schwächen & Risiken

+ diversifiziertes Geschäftsmodell: SEICON verteilt die Erlösbasis auf Energiebeschaffung, -erzeugung und -energieinvestment sowie comparista statt auf ein einzelnes Geschäftsmodell.
+ reale Projektpipeline: Mehr als 500 MWp nennt SEICON aktuell für die Energieerzeugung; allein bei Aufdach-PV besteht nach Angaben von Paul Herrmann eine Pipeline von rund 45 Mio. EUR.
+ organisches Wachstum: Der Umsatz hat sich 2025 nahezu verdoppelt. Auch 2026 knüpft unmittelbar daran an.
+ Mittelverwendung mit konkretem operativem Bezug
+ Anleihe-Covenants: die üblichen ‚NKD‘ sowie u.a. unzulässige Ausschüttungen
+ Kapitaldisziplin: kein „Wachstum um jeden Preis“ – das hört sich gut an für Anleiheinvestoren

– ambitionierte Planung: Von rund 10 Mio. EUR Umsatz 2025 soll es 2028 auf mehr als 100 Mio. EUR gehen. Das setzt eine erhebliche operative Skalierung voraus.
– noch relativ kleine Eigenkapitalbasis: Den 1,9 Mio. EUR Eigenkapital zum Jahresende 2025 steht ein angestrebtes Anleihevolumen von bis zu 20 Mio. EUR gegenüber. Der Verschuldungsgrad lag laut WIB auf Basis des Jahresabschlusses 2025 bei 131%.
– unbesicherte Anleihe: kein Garantiegeber; nicht nachrangig, nicht dinglich besichert.
– mehrere neue Geschäftsmodelle gleichzeitig: Neben dem bestehenden Energievertrieb werden PV, Contracting, Energieinvestment und comparista ausgebaut. Insbesondere beim Aufbau der Vergleichsplattform bestehen Entwicklungs-, Kosten- und Akzeptanzrisiken.
– Wettbewerbs- und Finanzierungsrisiken: Der Markt für erneuerbare Energien ist wettbewerbsintensiv; gleichzeitig benötigt SEICON für PV-Projekte und Contracting Vorfinanzierung. Höhere Finanzierungskosten oder eine restriktivere Kreditvergabe könnten bremsen.

Fazit

SEICON Energy ist mehr als eine klassische PV-Projektgesellschaft. Die eigentliche Investmentstory liegt in der Kombination aus Energievermittlung, Photovoltaik, geplanten Investmentlösungen und dem digitalen Portal comparista. Das schafft im Erfolgsfall eine breitere Erlösbasis als bei einer reinen Projektanleihe.

Auf der anderen Seite ist der Wachstumsanspruch hoch. Die Gesellschaft möchte ihren Umsatz innerhalb weniger Jahre von knapp 10 auf mehr als 100 Mio. EUR steigern und dafür neben dem bestehenden Geschäft mehrere neue Wertschöpfungsstufen aufbauen. Die erste Anleihe mit bis zu 20 Mio. EUR ist dabei weniger eine Finanzierung einer noch zu suchenden Vision als vielmehr Wachstumskapital für eine bereits vorhandene Pipeline.

Für Anleger dürfte damit weniger die Frage sein, ob der deutsche Energiemarkt grundsätzlich Wachstumspotenzial besitzt. Entscheidend wird vielmehr, ob SEICON die vorhandene Pipeline profitabel skalieren und gleichzeitig Vertrieb, PV-Projekte, Contracting und comparista unter einem Dach erfolgreich ausbauen kann.

Einschätzung SEICON Energy 2026/31

Wachstumsstrategie/Mittelverwendung:                                      ★★★★☆
Peergroup-Vergleich:                                                                       ★★★☆☆
Rendite-Vergleich:                                                                            ★★★½☆
Kennzahlen (Zinsdeckung, Gearing o.Ä.):                                    ★½☆☆☆
IR/Bond-IR:                                                                                       ★★★★½
Covenants:                                                                                       ★★½☆☆
Schlüsselpersonenrisiken:                                                            ★★☆☆☆
Liquidität im Handel (LiH) (e):                                                      ★★☆☆☆

Fazit by BondGuide:                                                                   ★★★½☆ (ggf. halber Stern Abzug aufgrund absehbar geringer Liquidität im Handel)

Falko Bozicevic

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