
Anleihe 2022/27 der MS Industrie läuft noch ca. 20 Monate – genau der Vorlauf also, den man bei einer Refinanzierung einplant. Eine gute Gelegenheit also, um mit CEO Dr. Andreas Aufschnaiter über ein Update zu sprechen.
BondGuide: Herr Dr. Aufschnaiter, vor etwas über einem Jahr sprachen wir über diverse Dinge – ich habe mir folgende Stichworte notiert, die wir gern der Reihe nach mit dem Abstand von fünf Quartalen angehen: Zyklen und Upgrade-Bedarf bei Lkw, Not-/Stromversorgungen sowie schließlich der immense Bedarf der stark wachsenden KI-Rechenzentren. Womit möchten Sie beginnen?
Aufschnaiter: Gern Letzteres zuerst. KI-Rechenzentren treiben tatsächlich einen guten Teil unseres Geschäfts für die Lieferung von schweren Verbrennungsmotoren. Wir reden dabei von mehreren Tausend PS. Diese werden nicht nur, aber auch in Friedrichshafen produziert. Unser Kunde MTU plant, dass der Standort in den USA, in der Nähe von unserem Werk in Charlotte, mit diesen stationären Motoren für Stromerzeugungsaggregate bis 2030 größer werden dürfte als in Friedrichshafen. Das passt perfekt zu unserer eigenen Aufstellung in Charlotte, North Carolina. Es gibt weitreichende Pläne der bekannten großen vier nordamerikanischen KI-Marktakteure bis 2030 – und das verleiht uns eine gewisse Planbarkeit.
BondGuide: Europa spielt dabei keine Rolle?
Aufschnaiter: Doch – aber anders. In Europa kennen wir diese Stromaggregate v.a. als Einsatz bei Notstrom, also für potenzielle Stromausfälle. Das gibt es weltweit. Nun schauen Sie sich aber das Stromnetz in den USA an: Das US-Stromnetz ist bei weitem nicht so ausgebaut wie in Europa, Stromaggregate sind dort vielerorts ein absolutes Muss. Und ein Einsatz im Dauerbetrieb statt als Reserve bedeutet natürlich auch einen entsprechenden Verschleiß. Ich sehe uns da am Anfang einer Rampe von Investitionen in diese Aggregate, deren Basis Jahr für Jahr größer wird. Die entsprechenden Commitments bis mindestens 2030 gibt es bereits und die werden jetzt abgearbeitet.
BondGuide: Nach drei Quartalen nannten Sie bzw. Vorstandskollege Distel auch Aufträge aus neuen Branchen. Ist Defence einer davon, der zeitnah schnell wachsen könnte?
Aufschnaiter: Absolut. Was in Verbrennermotoren landet, geht direkt oder indirekt in diesen Bereich, da es in militärische Fahrzeuge kommt. Indirekt ist die MS Industrie also ohnehin schon länger dabei. Zu Sonderaufträgen kommt es, wenn die Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben-Töpfe weiter gefüllt werden. Zusätzlich gibt es noch die Belieferung von Firmen, die ihrerseits im Defence-Sektor tätig sind. Die Namen dürfen wir nicht nennen. Derartige Aufträge fangen klein an, aber wenn die Qualifizierung stimmt, werden sie zunehmend umfangreicher – bis man alle Qualifikationen besitzt, diesen Kunden in größeren Stückzahlen zu beliefern.
BondGuide: Solch einen Ramp-up stelle ich mir aufwändig vor. Zu Beginn zahlt ein Zulieferer doch drauf bei kleinen Probe-Stückzahlen. Lohnt es sich trotzdem?
Aufschnaiter: Da gibt es eine Besonderheit. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Benötigte Teile werden aus einem Stück, aus einem Block, gefräst und bearbeitet. Das ist sehr arbeitsintensiv. Das heißt, wir haben vielleicht 10% Materialkosten, aber 90% Arbeitseinsatz – und nur letzterer bringt ja Marge.
BondGuide: Ich verstehe. Bei den Massestückzahlen ist das Verhältnis sicherlich ganz anders.
Aufschnaiter: Wenn wir in Masse für die Lkw-Industrie fertigen, beträgt der Materialanteil womöglich ca. zwei Drittel, und nur ein Drittel ist unsere eigene Wertschöpfung, mit der wir Geld verdienen. Genau genommen sollten wir also unsere Zahlen nicht nach Umsatz, sondern nach Rohertrag ausweisen. Man kann sagen, dass 1 Mio. Umsatz mit Sonderfertigungen de facto ca. 3 Mio. EUR Umsatz mit Fertigungen für das Massengeschäft entsprechen.
BondGuide: Im Bereich Defence wird doch eigentlich ohnehin nur in vergleichsweisen kleinen Stückzahlen gefertigt. Man produziert ja nicht für 1 Mio. Leopard II, sondern für ziemlich wenige.
Aufschnaiter: Genau das ist unser Vorteil – im Bereich Lkw sind die Stückzahlen weit geringer als in der Pkw-Industrie. Diverse Automobilzulieferer versprechen sich Aufträge aus der Verteidigungsindustrie. In vielen Fällen bleibt das illusorisch, mindestens aber schwierig, da sie gewohnt sind, in Millionen-Kategorien zu fertigen. Für die MS-Industrie dagegen ist kleine Stückzahl der Alltag.
BondGuide: Dann wurde im Herbst ja auch das neue Werk in den USA eingeweiht – in der Heimat von Michael Jordan, North Carolina. Welche Bedeutung wird ihm künftig zukommen? Trump 2.0 proklamiert ja: Produziert hier bei uns in den USA, dann vermeidet ihr auch Zölle.
Aufschnaiter: Unsere Entscheidung für unser Werk in Charlotte war schon gefallen, bevor von einer Trump-Neuauflage die Rede war. Unsere Kunden in den USA wünschten sich eine lokale Belieferung, sofern eben möglich: local to local, nicht aus Übersee. Diese Weichenstellung passierte vor der heutigen Zolldebatte. Auch die Unterstützung von den Behörden vor Ort war sehr gut. Nach unserer Definition haben wir derzeit praktisch keinerlei Zollthematik: In den USA fertigen wir für die USA und in Deutschland fast ausschließlich für Europa, Asien und Lateinamerika.
BondGuide: In den USA dreht Trump 2.0 gerade die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte der Automobilindustrie zurück: CO2-Begrenzung aufgehoben, Start-Stop-Automatik überflüssig, Erdöl hätten die USA noch für die nächsten, ich zitiere: 500 bis 1.000 Jahre, etc. Wenn man das hört, freuen Sie sich da über die erkaufte Zeit durch laschere Vorgaben, weint man innerlich oder schüttelt man nur den Kopf?
Aufschnaiter: Es wird auf jeden Fall komplex. Ursprünglich dachte man mal, die Kunden orientieren sich nach der Anwendung. Beispiel: letzte Meile. Natürlich macht da vollelektrisch absolut Sinn. Da braucht man keine Reichweite, also keinen Verbrenner. Die USA negieren jetzt jegliche Nachhaltigkeit. Kurzfristig haben die Hersteller jetzt erst einmal wieder Planbarkeit, aber was passiert nach einer Regierung Trump? Wenn ich jetzt aus den USA höre, Treibhausgase seien nicht mehr klimaschädlich, dann bin ich hoffentlich nicht der Einzige, der da einen Zirkelschluss sieht.
BondGuide: Nun sind sie es ja gewohnt, als Zulieferer für v.a. die Lkw-Industrie anders zu denken als solche für den Massenmarkt der Automobilbauer. Geht man da gelassener an das Thema Elektrifizierung oder generell Umstieg auf neue Antriebstechniken heran?
Aufschnaiter: Das würde ich unterschreiben. Nach allen Studien ist der Verbrennermotor im Lkw-Bereich in punkto Spitzenlasten und Lebensdauer nicht zu schlagen. Auch nicht durch Brennstoffzellen, im Gegenteil. Das erste Leben eines Lkws, bevor er in andere Länder ausgemustert wird, beträgt rund 1 ½ Mio. Kilometer. Für uns als Zulieferer spielt es keine große Rolle, ob der Zylinderhub durch sauberen Wasserstoff, Biogas, Flüssiggas oder Diesel zustande kommt. Diese Langlebigkeit und Wartungseffizienz schafft kein Batterieantrieb und keine Brennstoffzelle.
BondGuide: 2024 und 2025 brachten Umsatzrückgänge – vom Bereich Ultrasonic haben Sie sich getrennt. Wie verkraftet ein Zulieferer Umsatzrückgänge dieser Größenordnung? In Wachstumsphasen wird ja gern die Hochskalierung betont – in der Gegenrichtung zeigt diese allerdings auch Wirkung.
Aufschnaiter: Wir sind gewohnt, dass unser Umsatz mit den Zyklen der Lkw-Industrie ‚atmet‘. Das ist absolut nicht neu. Plus minus 20% von Jahr zu Jahr liegen bei uns innerhalb der Erwartungsspannweite. Wie können wir darauf reagieren? Auch da sind wir erfahren. In Stufe 1 fahren wir mögliche Wochenendarbeit zurück. In Stufe 2 reduzieren wir Leiharbeiten und Stufe III wäre schließlich Kurzarbeit, die aber wirklich nur für Ausnahmefälle wie direkt zu Beginn von Corona ein Thema war. Über diesen Dreiklang können wir die Produktion steuern und sicherstellen, dass wir auch bei Schwankungen noch auskommen. 2023 war ein Ausnahmejahr: ein sehr gutes Jahr, aber geprägt von Nachholeffekten aus den Corona-Jahren. Es ist klar, dass der Vergleich mit diesem Ausnahmejahr hinkt. Aktuell kommen wir auf ein neues Normal. Wir schauen jetzt ganz regulär auf den normalen Zyklus im Lkw-Geschäft 2026/27. Tendenziell sehen wir mehrheitlich Abrufzahlen, die über dem Vorjahr liegen. Wir denken, dass wir 2026 einen Umsatz von rund 155 Mio. EUR erreichen können.
BondGuide: Wenn die Geldbörse strapaziert ist, fährt man ja gerne mal auf Zeit. Wie steht es mit Verschleiß im Lkw-Sektor?
Aufschnaiter: Guter Punkt. Lkw kann man nicht unbegrenzt auf Verschleiß herunterfahren. Selbst wenn man keine Neuanschaffung macht, müssen Teile ersetzt werden. Der Lkw-Sektor macht für uns ca. 70% des Volumens aus. Wir streben an, dass wir in den nächsten Jahren in etwa die Hälfte im Lkw-Bereich umsetzen werden und die andere Hälfte in neuen oder zusätzlichen Geschäftsfeldern. Dann wäre die MS Industrie – auch auf Grundlage der Single-Source Position – maximal ausgewogen aufgestellt.
BondGuide: Die MSI-Anleihe von 2022 wird im Oktober 2027 fällig – ich hatte Sie damals gefragt: warum eigentlich nur fünf Jahre? So ca. 18 Monate vorher denkt man erfahrungsgemäß dezidiert über die Fälligkeit nach. Wie sehen die Pläne aus bzw. wie könnten sie lauten?
Aufschnaiter: Grundsätzlich hatten wir das schon kommuniziert. Wenn wir unseren ehemaligen Standort in Michigan verkaufen, zahlen wir davon die laufende Anleihe zurück. Aus diesem Grunde haben wir uns auch die Option eingeräumt, sie ggf. vorzeitig ablösen zu können. Bis Ende März dieses Jahres unterliegt die Immobilie einer Pauschalregelung hinsichtlich der Miete. Ab April muss unser Mieter deutlich mehr bezahlen. Wir gehen stark davon aus, dass unser bisheriger Mieter seine Produktionsstätte daher erwerben oder sich mit Hilfe eines Investors anderweitig sichern wird. Es handelt sich um einen wichtigen Zulieferer für einen deutsch-amerikanischen Kunden eine halbe Stunde entfernt, und ein Auszug würde bedeuten, dass ca. 100 Maschinen im laufenden Betrieb umziehen müssten. Das erscheint uns nicht sonderlich realistisch.
BondGuide: Möchte die MS Industrie denn grundsätzlich dem Kapitalmarkt auch im Bond-Segment erhalten bleiben?
Aufschnaiter: Es spricht nichts dagegen. Als Baustein unseres Geschäftsmodells können wir uns eine weiterführende Anleihe im überschaubaren Volumen nach wie vor sehr gut vorstellen. Wir haben auch noch weitere Themen in der Pipeline, die im Laufe des Jahres 2026 für den Kapitalmarkt interessant werden könnten.
BondGuide: Herr Dr. Aufschnaiter, ganz herzlichen Dank für das überaus interessante Update!
Interview: Falko Bozicevic
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