Markt auf Autopilot: warum Risiken plötzlich zurückkehren könnten

Der Markt feiert Rekorde und blendet Risiken aus. Für Benjamin Bente von Vates Invest könnte genau das zum Problem werden.

Der S&P 500 markiert neue Höchststände, die Berichtssaison überzeugt und die Liquidität bleibt hoch. Für Benjamin Bente, Geschäftsführer und Portfoliomanager des Vates Parade Fonds, erklärt das die aktuelle Gelassenheit der Anleger. Dennoch sieht er die Gefahr, dass die Märkte geopolitische und wirtschaftliche Risiken zunehmend unterschätzen.

Tatsächlich spricht kurzfristig einiges für die robuste Verfassung der Börsen. Rund 85% der Unternehmen im S&P 500 haben im ersten Quartal die Erwartungen übertroffen, zudem wurden die Gewinnschätzungen zuletzt wieder angehoben. Viele Investoren hätten sich daran gewöhnt, politische Eskalationen zunächst nicht überzubewerten. Zu oft seien Konflikte am Ende entschärft, vertagt oder juristisch begrenzt worden.

Genau darin liegt für Bente jedoch das eigentliche Risiko. Der Markt setze derzeit auf eine weitgehende Normalisierung. Im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg werde vielfach erwartet, dass ein Waffenstillstand den Ölpreis wieder sinken lasse und damit auch den zusätzlichen Inflationsdruck beseitige. In diesem Szenario könnten die Notenbanken ihren Kurs fortsetzen und die Hoffnungen auf sinkende Zinsen intakt bleiben.

Quelle: Barkow Consulting

Doch dieser Ausgang sei keineswegs garantiert. Sollten Energiepreise länger erhöht bleiben, Lieferketten erneut unter Druck geraten oder Unternehmen steigende Kosten weiterreichen, könnte sich die Inflation als deutlich hartnäckiger erweisen als derzeit angenommen. Dann drohten höhere Risikoaufschläge, steigende Finanzierungskosten und neuer Druck auf zahlreiche Risikoanlagen.

Besonders kritisch bewertet Bente die fiskalische Entwicklung in den USA. Kreditfinanzierte Steuersenkungen stimulierten zwar die Konjunktur, erhöhten jedoch zugleich das Defizit. Hinzu kämen hohe Gesundheitsausgaben, ein wachsender Strombedarf durch den Boom rund um Künstliche Intelligenz sowie handelspolitische Risiken durch mögliche Zölle. All diese Faktoren sprächen eher für steigende als für sinkende Preise.

Aus Sicht des Fondsmanagers verlassen sich viele Marktteilnehmer darauf, dass politische und institutionelle Korrekturmechanismen am Ende greifen. Der Waffenstillstand im Iran, die Entspannung im Konflikt um FED-Chef Jerome Powell oder gerichtliche Entscheidungen zu Zöllen würden als Beleg für diese These interpretiert. Langfristig könne es jedoch problematisch sein, wenn wirtschaftliche Schäden zunächst entstehen und erst anschließend teilweise repariert würden.

Der Markt weiß noch nicht, was er uns sagen möchte

Der Markt weiß noch nicht, was er uns sagen möchte

Dabei warnt Bente ausdrücklich vor einem übertriebenen Pessimismus gegenüber den Vereinigten Staaten. Die USA blieben der wichtigste Kapitalmarkt der Welt. Innovationskraft, Technologieführerschaft und die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft seien weiterhin außergewöhnliche Stärken. Allerdings beruhe dieser Erfolg auch auf Faktoren wie Rechtsstaatlichkeit, unabhängigen Institutionen, offenen Märkten und einer verlässlichen Außenpolitik.

Werden diese Grundlagen geschwächt, zeige sich dies nicht sofort in den Kursen. Über die Zeit könnten jedoch Risikoprämien, Investitionsentscheidungen und Wachstumsperspektiven darunter leiden. Anleger sollten deshalb politische und institutionelle Risiken nicht ignorieren, sondern stärker auf Qualität und Bewertung achten.

Für Investoren bedeutet das laut Bente nicht, US-Anlagen zu meiden. Vielmehr gewönnen Bilanzqualität, Preissetzungsmacht, stabile Cashflows und eine breite Diversifikation an Bedeutung. Sein Fazit: In einem anspruchsvolleren Marktumfeld dürfte Stock Picking wieder wichtiger werden als der blinde Griff zum Index.

Benjamin Bente, Vates Invest

Vates Invest ist ein unabhängiger Vermögensverwalter mit Fokus auf regelbasierte Anlagestrategien und Risikomanagement. Der Vates Parade Fonds verfolgt einen vermögensverwaltenden Ansatz und kombiniert verschiedene Anlageklassen mit einem aktiven Risikomanagement. Benjamin Bente ist Geschäftsführer und Portfoliomanager bei Vates Invest. Der Kapitalmarktstratege kommentiert regelmäßig makroökonomische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Finanzmärkte.

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