
EM-Debt gilt vielen Investoren noch immer als riskante Nische. Für Marcelo Assalin von William Blair IM ist das längst überholt.
Die Anlageklasse sei heute breiter, robuster und attraktiver bewertet als viele Anleger wahrhaben wollen.
EM-Debt hat in den vergangenen drei Jahrzehnten einen bemerkenswerten Wandel vollzogen. Während das Anlageuniversum Anfang der 1990er-Jahre lediglich aus wenigen Ländern und einigen Dutzend Anleihen bestand, umfasst es heute nahezu 100 Staaten, mehr als 900 Emittenten und ein Marktvolumen von über 5 Bio. USD. Für Marcelo Assalin, Leiter des Emerging-Markets-Debt-Teams bei William Blair Investment Management, ist diese Entwicklung einer der Hauptgründe, weshalb viele Risikoeinschätzungen mittlerweile veraltet seien.
Der erfahrene Portfoliomanager, der seit mehr als 30 Jahren in Schwellenländern investiert, sieht insbesondere die gestiegene Diversifikation als entscheidenden Vorteil. Statt Emerging Markets regional zu betrachten, segmentiert sein Team die Länder nach Risikoklassen und Volatilität. Ziel sei es, Konzentrationsrisiken zu vermeiden und die zahlreichen idiosynkratischen Chancen innerhalb des Universums besser nutzbar zu machen.
Besonders optimistisch zeigt sich Assalin für sogenannte Frontier Markets. Länder wie die Dominikanische Republik, Jamaika, Costa Rica, Paraguay, Uruguay, Ghana, Sambia oder Usbekistan böten aus seiner Sicht attraktive Risikoprämien bei gleichzeitig verbesserten wirtschaftlichen Fundamentaldaten. Auch Reformländer wie Ägypten, Nigeria oder Sri Lanka rückten zunehmend in den Fokus internationaler Investoren.
Die Interviewaussagen von Marcelo basieren auf Auszügen aus dem William Blair Investment Management-Podcast, den Sie als vollständigen Beitrag mit dem Podcast unter diesem Link nachlesen und anhören können.
Bei der Analyse eines Landes komme es vor allem auf zwei Faktoren an: die Fähigkeit und die Bereitschaft, Schulden zurückzuzahlen. Neben klassischen Kennzahlen wie Wachstum, Fiskalpolitik oder Zahlungsbilanz spielten daher auch institutionelle Qualität, politische Stabilität und Governance-Strukturen eine zentrale Rolle. Viele Schwellenländer hätten hier in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte erzielt.
Ein weiteres Vorurteil betrifft das Risiko. Assalin argumentiert, dass die tatsächliche Entwicklung vieler Emerging Markets deutlich stabiler verlaufe als häufig angenommen. Zahlreiche Länder verfügten inzwischen über solidere Staatsfinanzen als manche entwickelte Volkswirtschaft. Zudem nehme der Handel zwischen Schwellenländern kontinuierlich zu, wodurch die Abhängigkeit von den Industrieländern sinke.
Auch die Bedeutung Chinas werde häufig überschätzt. Zwar bleibe das Land ein zentraler Handelspartner vieler Emerging Markets, aus Investorensicht seien jedoch andere Regionen oftmals interessanter. China biete aufgrund niedriger Renditen und enger Kreditaufschläge derzeit weniger attraktive Bewertungen als zahlreiche andere Märkte innerhalb des EM-Debt-Universums.
Zusätzliche Chancen sieht Assalin im Bereich notleidender Staatsanleihen. Restrukturierungsfälle seien zwar risikoreich, könnten bei entsprechender Analyse jedoch erhebliche Wertsteigerungspotenziale eröffnen. Historisch hätten viele Investoren von solchen Marktverwerfungen profitiert, sofern sie einen langen Anlagehorizont mitbringen.
Sein Fazit fällt entsprechend positiv aus: Die Kombination aus höheren Renditen, breiter Diversifikation und vielfach verbesserten Fundamentaldaten spreche weiterhin für EM-Debt. Die größte Herausforderung sei heute weniger die wirtschaftliche Realität als vielmehr die nach wie vor skeptische Wahrnehmung vieler Anleger.
William Blair Investment Management ist die Asset-Management-Tochter der US-amerikanischen Investmentgesellschaft William Blair. Das Unternehmen verwaltet Vermögen institutioneller und privater Anleger in einer Vielzahl globaler Aktien- und Rentenstrategien. Marcelo Assalin ist Partner, Portfoliomanager und Leiter des Emerging-Markets-Debt-Teams bei William Blair Investment Management. Er investiert seit mehr als drei Jahrzehnten in Schwellenländer und zählt zu den erfahrensten Spezialisten im Bereich EM-Debt.
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