
Energieschock und steigende Inflation verändern den Anleihemarkt – Schwellenländer bieten selektive Chancen.
Der anhaltende Energieschock verändert die Perspektiven an den globalen Anleihemärkten grundlegend. Höhere Energiepreise treiben die Inflation weiter an, während die Märkte nach Einschätzung von Peter Botoucharov, Emerging Market Credit Analyst bei T. Rowe Price, die langfristigen Folgen bislang nur teilweise eingepreist haben.
„Da eine Beilegung des Iran-Konflikts derzeit nicht absehbar ist, dürften sich inflationäre Zweitrundeneffekte verstärken“, analysiert Botoucharov. Dies könne Zentralbanken weltweit zu einer deutlich restriktiveren Geldpolitik zwingen als bislang erwartet.
Nach Einschätzung von T. Rowe Price befindet sich der aktuelle Ölpreisschock inzwischen in einer neuen Phase. Nach der anfänglichen Marktpanik und der später dominierenden Erwartung eines kurzfristigen Konflikts beginne nun die Phase einer anhaltenden Störung der Energieversorgung.
Diese dritte Phase könnte entscheidend werden. Bleiben höhere Energiepreise länger bestehen, drohen breitere Inflationswirkungen auf Produktion, Transport, Dienstleistungen und Konsum. Die Folge: Zentralbanken müssten stärker gegensteuern – und die Märkte könnten den Umfang möglicher Zinserhöhungen bislang unterschätzen.
Besonders auffällig sei laut Botoucharov, dass die Anleihemärkte die höheren Inflationsrisiken bislang nur unvollständig widerspiegeln. Zwar hätten sich die Renditen am kurzen Ende vieler Zinskurven bereits angepasst, insgesamt erscheine die geldpolitische Markteinpreisung jedoch weiterhin zu optimistisch.
Neben der Inflation gewinnen auch Rezessionsrisiken wieder an Bedeutung. Nach Einschätzung des Analysten könnten wirtschaftliche Abschwächungen insbesondere im Euroraum, im Vereinigten Königreich und in Kanada noch unterschätzt werden. Dagegen erscheine die Rezessionsgefahr in Japan eher überbewertet.
Vor diesem Hintergrund agiere T. Rowe Price bei der Positionierung vorsichtiger. Im Bereich der Industrieländer verfolgt das Haus bei der Duration eine insgesamt defensive Haltung.
Attraktiver erscheinen derzeit selektive Chancen innerhalb der Schwellenländer-Anleihemärkte. Entscheidend sei die Differenzierung zwischen Volkswirtschaften mit robusten Fundamentaldaten und Ländern, bei denen die Märkte Inflationsrisiken möglicherweise noch unterschätzen.
Positiv bewertet Botoucharov unter anderem Ungarn, das von politischen Reformen profitieren könne. Auch Rumänien könnte durch Basiseffekte bei der Inflation Spielraum erhalten.
Vorsichtiger blickt T. Rowe Price dagegen auf Peru und Thailand. Dort könnten steigende Inflationsrisiken zusätzliche Zinserhöhungen erforderlich machen, die bislang nur begrenzt eingepreist seien.
Besonders wichtig bleibt zudem die Energieabhängigkeit einzelner Volkswirtschaften. Nettoenergieexporteure oder weitgehend energieneutrale Staaten wie Brasilien, Kolumbien, Mexiko oder Malaysia verfügen weiterhin über größere fiskalische Spielräume. Nettoenergieimporteure wie Indien oder Südafrika geraten dagegen zunehmend unter Anpassungsdruck.
Für Anleger bedeutet das Umfeld vor allem eines: Der globale Energieschock wirkt längst nicht mehr nur auf Ölpreise – sondern zunehmend auf Inflation, Zinspolitik, Anleihemärkte und die relative Attraktivität einzelner Schwellenländer.
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