El Niño wird zum Zahlungsverzögerer

El Niño ist für deutsche Unternehmen längst nicht mehr nur ein Wetter- oder Lieferkettenrisiko. Wetterextreme können über steigende Kosten, Engpässe beim Betriebskapital und verzögerte Zahlungen bis hin zu Forderungsausfällen durchschlagen.

Für deutsche Unternehmen entwickelt sich El Niño zunehmend vom Lieferketten- zum Finanzrisiko. Das Klimaphänomen kann laut Weltorganisation für Meteorologie (WMO) bis ins Jahr 2027 anhalten. Damit steigen neben den Risiken für Lieferketten und Rohstoffpreise auch die Gefahren für Liquidität, Zahlungsverhalten und Forderungsausfälle. „Zunehmende Wetterextreme sind ein vielschichtiges Risiko für die Wirtschaft“, erklärt Frank Liebold, Country Director Deutschland beim Kreditversicherer Atradius.

Deutschland ist als Exportnation und rohstoffarmes Industrieland besonders anfällig. Agrarprodukte wie Kaffee, Kakao, Reis, Palmöl, Soja, Zucker, tropische Früchte und Futtermittel stammen teilweise aus besonders El-Niño-sensiblen Regionen. Ernteausfälle können die Weltmarktpreise treiben und damit zeitversetzt auch die Erzeuger- und Verbraucherpreise hierzulande erhöhen.

Niedrigwasser wird zum Liquiditätsproblem

Auch unmittelbare Wetterfolgen setzen Unternehmen unter Druck. Niedrigwasser auf Rhein und Donau beeinträchtigt insbesondere Chemie-, Stahl- und Mineralölindustrie: Transporte werden schwieriger, Lieferungen verzögern sich und Frachtzuschläge können die Kosten deutlich erhöhen.

Für Unternehmen kann daraus schnell ein finanzieller Engpass entstehen. Umsätze verschieben sich, Lager- und Ersatztransportkosten steigen und mehr Betriebskapital wird gebunden. Dauern die Störungen an, geraten Zahlungsziele, Lieferantenbeziehungen und die eigene Zahlungsfähigkeit unter Druck. Unternehmen könnten dann Zahlungen strecken, zusätzliche Finanzierung aufnehmen oder Risiken an Kunden und Lieferanten weiterreichen.

Verschärft sich zugleich die makroökonomische Lage wichtiger Schwellenländer, könnte die Nachfrage nach deutschen Investitionsgütern und Exporten sinken. Damit steigt wiederum das Risiko verzögerter Zahlungen und von Forderungsausfällen.

Wetter trifft auf Geopolitik

Das Risiko kommt dabei nicht allein vom Klima. Die Auswirkungen eines starken El Niño treffen 2026 auf ein ohnehin angespanntes globales Umfeld. Klimabedingte Hitzewellen und geopolitische Unsicherheiten können sich gegenseitig verstärken – etwa bei der weltweiten Düngemittelversorgung.

El Niño sorgt zunehmend für Dysbalancen im Klima

El Niño sorgt zunehmend für Dysbalancen im Klima

„Ein starker El Niño allein kann den weltweiten Agrarhandel stören“, so Liebold. In Verbindung mit den bestehenden geopolitischen Unsicherheiten verschärften sich die Risiken erheblich – mit höherer Preisvolatilität und steigenden Lebensmittelpreisen weltweit.

Aus Wetterextremen werden Ausfallrisiken

Auch die derzeitigen Hitzewellen in Europa können wirtschaftliche Folgen haben: Sie beeinträchtigen die Produktivität, verzögern Lieferungen, erhöhen Investitions- und Versicherungskosten und schaffen Unsicherheit bei der Nachfrage.

Geraten Einnahmen unter Druck, während gleichzeitig die Kosten steigen, drohen Engpässe beim Betriebskapital. Unternehmen könnten längere Zahlungsziele fordern, Zahlungen an Lieferanten verzögern oder verstärkt externe Finanzierung nutzen. Bei länger anhaltenden Störungen steigt letztlich auch das Risiko von Insolvenzen und Forderungsausfällen.

Frank Liebold, Atradius

Für Unternehmen gewinnt damit ein vorausschauendes Risiko- und Liquiditätsmanagement an Bedeutung. Diversifizierte Lieferketten, die Absicherung kritischer Rohstoffe und eine aktive Überwachung von Zahlungsrisiken können helfen, die Folgen extremer Wetterereignisse abzufedern – und möglicherweise sogar einen Wettbewerbsvorteil schaffen.

Frank Liebold ist Country Director Deutschland beim internationalen Kreditversicherer Atradius. Atradius bietet Kreditversicherungen, Bürgschaften, Inkassodienstleistungen und Wirtschaftsinformationen an und ist in mehr als 50 Ländern aktiv.

———-

BondGuide nutzt KI zum Orthografie-Check sowie bei Bildern, Kollagen oder Grafiken.

! NEU ! Die erste BondGuide Jahresausgabe 2026 ist erschienen (12.Mai): ‚Green & Transition Finance 2026‘ kann wie gewohnt kostenlos als e-Magazin oder pdf heruntergeladen werden.

Bitte nutzen Sie für Fragen und Meinungen Twitter – damit die gesamte Community davon profitiert. Verfolgen Sie alle Diskussionen & News zeitnaher auf Twitter@bondguide !