Digitalisierung des Schuldscheins: Darlehen künftig nur noch digital und nicht mehr ohne Plattform?

pixabay Schuldscheinmarkt

Die Digitalisierung des Schuldscheinmarktes ist bereits seit dem vergangenen Jahr eines der großen Themen im Finanzierungsbereich. Zunächst etwas unauffälliger hat sich in den vergangenen Monaten vor allem in der Transaktionspraxis ein durchaus verwandtes Thema etabliert: Die „Schuldschein-Plattformen“. Von Oliver Dreher*

Unter Schuldschein-Plattformen sind technische und rechtliche Infrastrukturen zu verstehen, die das Zustandekommen und die Abwicklung von Schuldschein-Transaktionen unterstützen bzw. erleichtern. Primär geht es darum, den Ablauf von Schuldscheintransaktionen zu verbessern – und sie vor allem leichter, schneller und günstiger abzuwickeln.

Wo kann eine Plattform helfen?

Am Beginn einer Schuldschein-Transaktion steht zumeist die eher bilaterale Vorbereitungsphase zwischen Unternehmen und dem bzw. den Arrangeuren (Banken). Am vorläufigen Ende dieser Phase einigen sich die Beteiligten auf eine Vermarktungsfassung des Schuldscheindarlehensvertrages, die dann den potentiellen Investoren zur Durchsicht und etwaigen Kommentierung vorgelegt wird. Anschließend können diese in der multilateralen Verhandlung der Dokumentation Rückmeldung an die Emittentin geben. In dieser Phase werden bereits seit Jahren IT-Infrastrukturen eingesetzt, um Informationswege und Entscheidungsfindung zwischen den Transaktionsparteien effizienter zu gestalten. 

Der Plattformgedanke geht jedoch weiter. Derzeit liegt ein Schwerpunkt zwar noch im weiteren Ausbau der Effizienz der Prozesse, die bei der Abwicklung einer Schuldscheintransaktion durchlaufen werden. Das nächste Ziel liegt jedoch in einer umfassenderen Unterstützung aller Transaktionsaspekte: Von ersten Kontakten zu potentiellen Investoren bis hin zur Plattform für den gesamten Lebenszyklus eines Schuldscheindarlehens, also die Abwicklung von Zahlungen, Informationen an Darlehensgeber, etwaige Verzichtserklärungen der Gläubiger bei Vertragsabweichungen des Darlehensnehmers (Waiver) und gegebenenfalls sogar Restrukturierungszenarien sind nur einige Themen, bei denen Schuldscheinplattformen den Markt und die Finanzierungspraxis nachhaltig verändern könnten.

Wem nützen Plattformen?

Eine ganze Reihe von möglichen Vorteilen kommt letztlich sämtlichen Beteiligten an einer Schuldscheintransaktion zu Gute: Vor allem Kostenvorteile, höhere Schnelligkeit und bessere Übersichtlichkeit haben alle – Emittenten, Banken und Investoren – im Blick.

Weitere Verbesserungen werden insofern interessant, als dass sie zu Marktveränderungen führen könnten oder aber die Vorteile aktueller Marktparadigmen nachhaltig bestätigen.

Ein Beispiel ist die traditionell starke Rolle der arrangierenden Banken im Schuldscheinmarkt. Sie steuern die Vermarktung der Transaktion bei Investoren, prägen die Verhandlung der Dokumentation und übernehmen (wie etwa als Zahlstelle) wichtige Rollen für die gesamte Lebensdauer der Transaktion. Es wird sich zeigen, ob sich Plattformen vor allem dadurch auszeichnen werden, die Erfüllung dieser Aufgaben zu erleichtern und die Ergebnisse dieser Dienstleistungen für alle besser zu machen – oder ob Sie möglicherweise zumindest einige Leistungen obsolet machen und die Verteilung der Rollen in einer Transaktion neu „mischen“ werden. Entsprechend aufmerksam verfolgen daher neben Fintechs gerade solche Banken diese Entwicklungen mit Interesse, die bislang noch keine zentrale Rolle im Schuldscheinmarkt spielen konnten.

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