Der hohe Ölpreis bringt die Zinspolitik ins Wanken

Der Ölpreis bestimmt parallel den für Erdgas

Der Ölpreis steigt – und mit ihm die Unsicherheit für Notenbanken und Anleger. Doch langfristige Inflationserwartungen bleiben stabil.

Der jüngste Anstieg beim Ölpreis wirbelt die geldpolitischen Erwartungen kräftig durcheinander. Anleger hangeln sich derzeit von Schlagzeile zu Schlagzeile, um die Lage im Nahen Osten zu bewerten. Höhere Energiepreise verändern das Inflationsbild und stellen das geldpolitische Narrativ der vergangenen Monate infrage. Gleichzeitig bleiben die langfristigen Inflationserwartungen bislang überraschend stabil, analysiert Maximilian Wienke, Marktanalyst bei eToro.

Während Unternehmen aus der Öl- und Gasbranche von der Entwicklung profitieren, geraten die Notenbanken stärker unter Druck. Der Grund: Das Risiko einer Stagflation steigt. Höhere Energiepreise könnten die Inflation erneut anheizen, während gleichzeitig das Wirtschaftswachstum gebremst wird. Die Märkte hätten ihre Erwartungen bereits angepasst. Für die USA werde derzeit nur noch eine Zinssenkung im Jahr 2026 erwartet. Entscheidend sei vor allem die Dauer des Ölpreisschocks: Ein kurzfristiger Anstieg lasse sich meist verkraften – eine länger anhaltende Energiekrise hingegen könnte die Wirtschaft deutlich stärker belasten.

Sollten die Ölpreise mehrere Monate über 100 USD verharren, dürfte der Druck auf Inflation und Konjunktur spürbar steigen. Marktbeobachter verweisen bereits auf historische Parallelen: So hatte der Brent-Ölpreis im Jahr 2008 zeitweise nahezu 150 USD erreicht.

Der Ölpreis macht gerade, was er will

Foto: © DC Studio – freepik.com

Im Fokus stehen nun die kommenden Zinsentscheidungen von Fed und EZB. Beide Notenbanken dürften ihre Leitzinsen zwar zunächst unverändert lassen. Spannend werde jedoch die Kommunikation im Anschluss. Angesichts der hohen Ölpreise könnte die Rhetorik der Zentralbanken vorsichtiger und tendenziell ‘hawkischer’ ausfallen. Die geldpolitische Navigation gleiche derzeit einem Kurs durch dichten Nebel.

Dabei unterscheiden sich die wirtschaftlichen Ausgangslagen deutlich. Europa ist stärker von Energieimporten abhängig, während die Konjunktur vergleichsweise schwach bleibt. In den USA zeigt sich hingegen eine robustere Wirtschaftsentwicklung, allerdings bei gleichzeitig höherer Inflation und einem höheren Zinsniveau. Ein zusätzlicher Belastungsfaktor für Europa ist der starke US-Dollar, der Energieimporte verteuert.

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Trotz der aktuellen Ölpreis-Rally bleiben die langfristigen Inflationserwartungen bislang stabil. Ein wichtiger Indikator ist die sogenannte 5y5y-Inflationserwartungsrate, die derzeit bei rund 2,11% liegt. Sie misst das langfristige Vertrauen der Märkte in die Preisstabilität. Dass dieser Wert bislang kaum gestiegen ist, deutet darauf hin, dass Investoren den Ölpreisschock bislang als temporär betrachten.

Maximilian Wienke, eToro

Für Anleger bleibt daher vor allem Risikomanagement entscheidend. In breit diversifizierten ETF-Portfolios seien Ölpreisschwankungen meist bereits abgefedert. Bei Einzeltitel-Portfolios könnten hohe Ölpreise hingegen Gewinner und Verlierer stärker auseinanderdriften lassen: Energiekonzerne profitieren typischerweise, während Airlines, Logistik- oder Chemieunternehmen eher unter Druck geraten. Entscheidend sei daher die Robustheit des Portfolios gegenüber einem länger anhaltenden Ölpreisszenario.

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