
WBIM sieht Afrikas Wirtschaft an einem Wendepunkt: Entscheidend seien Demografie, Bildung und Landwirtschaft – nicht Korruption allein.
Die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas wird nach Ansicht des Wirtschaftsjournalisten und Buchautors Joe Studwell seit Jahrzehnten falsch interpretiert. Im Gespräch mit Hugo Scott-Gall, Portfoliomanager bei William Blair Investment Management, widerspricht der Autor von How Africa Works der verbreiteten These, Korruption oder schlechte Regierungsführung seien die Hauptursachen für das lange schwache Wachstum. Stattdessen verweist er auf grundlegende strukturelle Faktoren wie Bevölkerungsdichte, landwirtschaftliche Produktivität und Bildung.
Studwell erinnert daran, dass Afrika zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit vieler Staaten in den 1960er Jahren nur rund ein Fünftel der Bevölkerungsdichte Asiens aufwies. Große Städte, leistungsfähige Infrastruktur und ausreichende Steuereinnahmen hätten deshalb weitgehend gefehlt. Erst medizinische Fortschritte führten zu einem starken Bevölkerungswachstum. Heute leben rund 1,5 Mrd. Menschen auf dem Kontinent; bis 2050 könnte sich diese Zahl auf 2,5 Mrd. erhöhen. Damit verbesserten sich zugleich die Voraussetzungen für wirtschaftliche Entwicklung erheblich.
Besonders deutlich zeige sich dieser Wandel in der Landwirtschaft. Seit 2000 sei die landwirtschaftliche Produktion im Durchschnitt um rund 4,5% pro Jahr gewachsen und damit schneller als in jeder anderen Weltregion. Parallel entstehen immer mehr größere Städte, wodurch Nachfrage, Verarbeitungskapazitäten und regionale Wertschöpfung zunehmen. Nach Einschätzung Studwells bildet genau diese Entwicklung die Grundlage für eine spätere Industrialisierung.
Als weitere zentrale Voraussetzung nennt der Autor den Ausbau der Bildung. Viele afrikanische Staaten seien mit äußerst niedrigen Alphabetisierungsraten in die Unabhängigkeit gestartet, weil koloniale Verwaltungen kaum in Schulsysteme investiert hätten. Der Aufbau von Humankapital bleibe daher eine der wichtigsten Aufgaben für dauerhaftes Wachstum. Ebenso entscheidend seien funktionierende Institutionen und eine langfristig ausgerichtete Wirtschaftspolitik. Erfolgsbeispiele wie Botswana, Mauritius oder Ruanda zeigten, dass stabile Entwicklungsstrategien wichtiger seien als einzelne politische Persönlichkeiten.
Auch den Einfluss Chinas bewertet Studwell differenziert. Chinesische Investitionen in Infrastruktur und Industrie hätten den wirtschaftlichen Wandel vieler Länder unterstützt. Gleichzeitig profitiere Afrika von seinen niedrigen Lohnkosten und einem schnell wachsenden Binnenmarkt. Die Industrialisierung müsse sich daher nicht ausschließlich am Export orientieren, sondern könne zunehmend auch die regionale Nachfrage bedienen.
Für Investoren spricht aus Sicht des Autors vieles dafür, dass das Wachstum Afrikas künftig stabiler verlaufen dürfte als in der Vergangenheit. Während Rohstoffzyklen lange Zeit für starke Ausschläge sorgten, gewännen Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung und weitere produktive Wirtschaftsbereiche zunehmend an Bedeutung. Gleichwohl werde der Kontinent mit seinen 55 Staaten auch künftig sehr unterschiedliche Entwicklungen hervorbringen – von anhaltender Armut bis hin zu dynamischen Wachstumsregionen. Entscheidend sei, dass immer mehr Länder den Übergang zu einer breiter aufgestellten Wirtschaftsstruktur erfolgreich vollziehen.
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