
Wo ist der sichere Hafen, wenn man ihn angesichts völlig unklarer Eskalationsdynamik dann doch mal braucht? Von Serge Nussbaumer*
Der Nahostkonflikt rund um den Iran sorgt für spürbare Preisschocks an den Energie- und hohe Nervosität an den Finanzmärkten. Ölpreise liegen inzwischen deutlich über 95 USD je Fass, wobei Brent temporär bis nahe 120 USD stieg. Diese Kombination aus geopolitischem Risiko, Angebotsschock und unklarer Eskalationsdynamik prägt aktuell die Märkte.
Ungewöhnlich ist, dass Staatsanleihen als klassischer sicherer Hafen nur begrenzt funktionieren. Normalerweise würden Anleger in Krisenzeiten in Staatsanleihen investieren, was die Kurse steigen und die Renditen fallen lassen würde. Aktuell jedoch reagieren die Märkte vor allem auf die Inflationsgefahr durch den Ölpreisanstieg, wie aktuelle Marktberichte zeigen.
Die Inflationsgefahr ist inzwischen konkret geworden. Der Krieg hat das Risiko eines neuen Inflationsschubs deutlich erhöht. Solange Ölpreise über 100 USD liegen und Transportwege im Golf gestört sind, wächst die Gefahr von Zweitrundeneffekten. Höhere Energiepreise könnten nicht nur Treibstoffe und Gas verteuern, sondern auch Transport, Industrieproduktion und Konsumgüter verteuern. Daher preisen die Märkte nicht nur Unsicherheit, sondern auch den langfristigen Charakter zäher Inflation ein.
Anders als in früheren Krisen sind die ökonomischen Konsequenzen eines Iran-Kriegs heute begrenzter. Der Dienstleistungssektor ist weniger energieintensiv, und die IEA zeigt, dass sich die globale Energieintensität verbessert hat. Höhere Ölpreise treffen daher auf eine Wirtschaft, die heute weniger abhängig von Energie ist als früher.
Die USA spielen als größter Rohölproduzent und LNG-Exporteur eine veränderte Rolle im Energiemarkt. Die Straße von Hormus, die rund ein Fünftel des globalen Ölhandels ausmacht, bleibt jedoch ein kritisches Nadelöhr. Eine militärische Bedrohung oder Blockade kann die Risikoprämie sofort erhöhen.
Aktuelle Anlegerverhalten zeigt, dass nicht alle Anleihen weiterhin als Zufluchtsorte gelten. In Anbetracht von Inflationssorgen und höheren Emissionen schauen Anleger genauer hin, welche Anleihen in diesem Umfeld noch Schutz bieten. Die alte Faustregel, dass Anleihen bei fallenden Aktien helfen, funktioniert nur eingeschränkt, da Unsicherheit und Inflationsangst gleichzeitig vorherrschen.
Kapital fließt derzeit vor allem in den US-Dollar, der als robuster sicherer Hafen gilt, sowie in den Schweizer Franken. Gold bleibt relevant, reagiert jedoch weniger gradlinig als in früheren Krisen, da feste Dollar- und steigende US-Renditen die übliche Fluchtbewegung dämpfen.
Langfristig könnte ein politischer Öffnungsprozess im Iran und dessen Wiedereingliederung in die Weltwirtschaft für Europa erhebliche Wachstumschancen bieten. Dies ist jedoch ein spekulatives Szenario und erfordert Geduld.
Für Anleger ist wichtig, die Schutzfunktion von Anleihen selektiv zu betrachten. Wer defensiv investieren möchte, sollte auf Qualität und Bonität achten. In einem volatilen Umfeld sind nicht alle Anleihen gleichwertig, und Währungsrisiken sollten ernst genommen werden. Gold kann als Ergänzung sinnvoll sein, jedoch nicht als alleinige Absicherung.
Sicherheit bleibt möglich, ist jedoch selektiver geworden. Die Märkte reagieren weniger auf das klassische Krisenmuster als auf die reale Möglichkeit eines neuen Inflationsimpulses. Je länger der Konflikt anhält und je mehr die Energieversorgung beeinträchtigt wird, desto größer wird die Gefahr eines makroökonomischen Belastungsfaktors.
*) Serge Nussbaumer ist Head Public Solutions und Kapitalmarktexperte bei Maverix Securities
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