
Putins Russland begibt sich mangels finanzieller Optionen auf Rentenjagd: Die angesparten Ansprüche künftiger Ruheständler könnten doch zunächst genutzt werden.
Russlands Regierung greift nach den Ersparnissen künftiger Rentner: Mangels Wachstumsideen und angesichts hoher Haushaltsdefizite sollen nun Pensionsgelder verstärkt für Investitionen mobilisiert werden. Gleichzeitig sendet die russische Zentralbank ein Signal an die Politik – und an den Energiemärkten häufen sich neue Engpässe.
Die Autoren Alexandra Prokopenko und Alexander Kolyandr vom Analyseportal The Bell berichten, dass das russische Finanzministerium erneut versucht, das seit Jahren bestehende Problem fehlender langfristiger Finanzierungsmittel anzugehen. Im Fokus stehen sogenannte ‚stille Sparer‘ – Arbeitnehmer, die ihre kapitalgedeckten Rentenanteile nicht aktiv in private Fonds übertragen haben. Diese Vermögen werden standardmäßig von der staatlichen Entwicklungsbank VEB verwaltet.
Nach Angaben von The Bell betrifft dies rund 36 Mio. Menschen mit einem kumulierten Vermögen von umgerechnet etwa 40 Mrd. USD. Die Regierung prüfe Wege, diese Mittel stärker für Investitionen in die Wirtschaft nutzbar zu machen. Kritiker sehen darin einen weiteren Zugriff des Staates auf private Vorsorgegelder.
Parallel dazu setzte die russische Zentralbank ihren Zinssenkungszyklus fort. Der Leitzins wurde um lediglich 0,25 Prozentpunkte auf 14,25% reduziert – die neunte Senkung in Folge, zugleich jedoch die kleinste mögliche Anpassung. Laut The Bell signalisiert die Notenbank damit Zurückhaltung gegenüber politischen Forderungen nach schnelleren Zinssenkungen. Hintergrund seien anhaltend hohe Staatsausgaben und Inflationsrisiken.
Zusätzliche Sorgen bereitet die Versorgung mit Treibstoffen. Nach Berechnungen von The Bell haben inzwischen 53 der 89 russischen Regionen Beschränkungen für den Verkauf von Benzin oder Diesel eingeführt. In vielen Regionen gelten Obergrenzen von 20 bis 50 Litern pro Kaufvorgang. Gleichzeitig sank die russische Ölproduktion im Mai auf den niedrigsten Stand seit einem Jahr. Als Ursache werden unter anderem verstärkte ukrainische Angriffe auf Raffinerieanlagen genannt.
Alexandra Prokopenko und Alexander Kolyandr schreiben für das unabhängige Analysemedium The Bell, das wirtschaftliche und politische Entwicklungen in Russland mit Schwerpunkt auf Finanzmärkten, Wirtschaftspolitik und geopolitischen Risiken analysiert.
Der Beitrag basiert auf einer Analyse von Alexander Kolyandr und Alexandra Prokopenko für The Bell. Kolyandr ist Finanzanalyst und Senior Fellow am CEPA sowie ehemaliger Manager bei Crédit Suisse. Prokopenko ist unabhängige Analystin und war Beraterin der russischen Zentralbank. Beide verfassen Meinungsartikel für The Bell, einem führenden unabhängigen russischen Wirtschaftsnachrichtendienst. 2022 stuften die russischen Behörden sowohl The Bell als auch ihre Gründer als ‚ausländische Agenten‘ ein und sperrten im Jahr darauf den Zugang zur Website in Russland.
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