
Elektromobilität in Europa wächst dynamisch – doch die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen wird zum zentralen Risikofaktor. Von Elodie Chrzanowski*
Der europäische Markt für Elektrofahrzeuge (EV) hat 2025 deutlich an Dynamik gewonnen. Nach einer Phase der Stagnation 2024 legten die Verkäufe um rund ein Drittel zu. Treiber waren vor allem ein breiteres Angebot im Einstiegs- und Mittelklassesegment sowie ein zunehmend auf Dekarbonisierung ausgerichtetes regulatorisches Umfeld.
Damit verändert sich nicht nur die Automobilindustrie, sondern die gesamte Wertschöpfungskette – insbesondere mit Blick auf die wachsende Bedeutung von Batterien und Rohstoffen.
Strukturelles Wachstum trifft auf neue Abhängigkeiten
Der Absatz von batterieelektrischen Fahrzeugen (BEV) und Plug-in-Hybriden (PHEV) dürfte bis 2030 jährlich um rund ein Sechstel wachsen. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnten BEV etwa zwei Fünftel des europäischen Pkw-Marktes ausmachen – ein massiver Strukturwandel.
Parallel verschiebt sich die Wertverteilung im Fahrzeug:
– Bei Elektroautos entfallen rund die Hälfte des Gesamtwerts auf den elektrischen Antriebsstrang
– Die Batterie allein macht etwa ein Drittel aus
– Zum Vergleich: Beim Verbrenner liegen Motor und Getriebe nur bei knapp einem Fünftel
Konsequenz: Rohstoffe werden zum strategischen Kernfaktor
Kritische Abhängigkeit von Importen
Europa ist bei zentralen Materialien stark von Importen abhängig:
– Naturgraphit: nahezu vollständig
– Mangan: fast vollständig
– Lithium & Kobalt: zu einem sehr großen Teil
– Seltene Erden: nahezu vollständig
Ein Großteil dieser Rohstoffe stammt aus China, das insbesondere bei Permanentmagneten rund 90% der globalen Verarbeitung kontrolliert.
Geopolitische Risiken verschärfen die Lage: Neue Exportkontrollen – etwa für Dual-Use-Technologien – können die Versorgungsketten zusätzlich belasten.
Dabei liegt das Problem weniger in fehlenden Ressourcen als in der verlagerten Produktion: Europa hatte in der Vergangenheit selbst relevante Förderkapazitäten, verlor diese jedoch durch höhere Umweltauflagen und Kosten.
Recycling: wichtiger Hebel mit Zeitverzögerung
Recycling gilt als strategische Antwort, kann kurzfristig jedoch nur begrenzt helfen. Ziel der EU ist es, bis 2030 rund ein Viertel des Bedarfs über Sekundärrohstoffe zu decken.
Langfristig könnten durch Recycling:
– der Bedarf an Primärrohstoffen um bis zu ein Drittel sinken
– gleichzeitig erhebliche CO₂-Einsparungen erzielt werden
Beispiel: Recyceltes Aluminium verursacht bis zu 97% weniger Emissionen
Doch ein zentrales Problem bleibt:
Die Lebensdauer von Batterien liegt bei etwa 15 Jahren – größere Recyclingmengen werden daher erst ab etwa 2040 verfügbar sein.

Risiken für die Elektromobilität in Europa, Quelle: IFA
Politische Gegenmaßnahmen und Reindustrialisierung
Europa reagiert mit einer umfassenden Strategie:
– 10% heimische Förderung bis 2030
– rund zwei Fünftel Verarbeitung in Europa
– maximale Abhängigkeit von einem Drittland: gut zwei Drittel
Zudem wurden 47 strategische Projekte mit einem Investitionsvolumen von rund 22 Mrd. EUR identifiziert. Ergänzend soll der „ResourceEU“-Plan rund 3 Mrd. EUR mobilisieren.
Parallel baut die EU internationale Partnerschaften aus – etwa mit Kanada, Australien, Ländern in Lateinamerika, Afrika und Indonesien.
Einordnung: Energiewende wird zur Rohstofffrage
Die Transformation zur Elektromobilität ist ein klarer Wachstumstrend – doch sie bringt neue Abhängigkeiten mit sich.
– Versorgungssicherheit wird zum strategischen Thema
– Recycling gewinnt langfristig an Bedeutung
– Geopolitik beeinflusst zunehmend industrielle Wertschöpfung
Damit zeigt sich: Die Energiewende ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine Frage von wirtschaftlicher Souveränität und Rohstoffzugang.
*) Elodie Chrzanowski ist Deputy Head of Credit Research and ESG bei Crédit Mutuel Asset Management.
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