
Der mwb Kapitalmarkt-Standpunkt von Kai Jordan, Vorstand der mwb Wertpapierhandelsbank – dieses Mal: Ragnarök [1] oder nur Globus in Trümmern?
Der letzte Abschnitt der Ragnarök schildert die neue Welt, die nach dem Untergang der alten Welt entsteht. Fälschlich übersetzt wird Ragnarök auch als Götterdämmerung. Richard Wagner behandelt das Thema auch in der Oper Götterdämmerung / Ring der Nibelungen.
Während die ganze Welt über den Trumpschen Zollirrsinn und die Disruption der bestehenden ökonomischen und politischen Weltordnung diskutiert, ist ein wesentlicher Punkt vollkommen in den Hintergrund getreten, der aber ebenfalls ein wichtiger Einflussfaktor für die künftige Entwicklung an den Kapitalmärkten ist und den wir hier regelmäßig beschrieben haben.
Die USA sind auf klarem Kurs für einen Zusammenbruch der Staatsfinanzen. Hierüber berichtete das ‚Congressional Budget-Office‘ (CBO) des US-Kongress in einer erneuerten Langfristprognose, die auf die dringende Notwendigkeit einer Kursänderung hinweist. Das CBO beschreibt, dass das Deficit Spending wie noch nie außer Kontrolle geraten ist. Die Regierung der USA gibt derzeit rund 7 Bio. USD im Jahr aus und verzeichnet dagegen Steuereinnahmen von lediglich 5 Bio. USD. Das entspricht einem Defizit in Höhe von 6% des BIP. Das CBO erwartet, dass sich die Schuldenaufnahme der USA auf diesem oder gar höheren Level über kommende Dekaden fortsetzt. Kommt es NICHT zu einer Rezession, wird die Verschuldung von derzeit 100% des BIP auf 118% im Jahr 2035 steigen.
Die politischen Absichten in der republikanischen Partei zielen aber keineswegs auf Sparkurs; im Gegenteil: Mit den angepeilten Maßnahmen wie Steuersenkungen wird man noch aufs Gaspedal treten. Und die durch das DOGE vorangetriebene Zerstörung des Staatsapparates bringt hier keine wesentliche Entlastung, sondern schafft eher Unfrieden und Unsicherheiten bei den Konsumenten.
Der jüngste scharfe Anstieg der Renditen an den US-Anleihemärkten reflektiert das eindrucksvoll. Hatten wir zunächst gedacht, es sei der chinesische Bär, der Batman Trump hier einen auswischen will, indem er mal ein paar von den rund 760 Mrd. USD Bonds, die China als Investor hält, auf die Reise nach Hause schickt, aber beim genauen Hinsehen mussten wir feststellen, dass der Druck wohl aus allen Ecken kommt. Es scheint, als wolle die Regierung den Dollar dramatisch abwerten, um aus der Schuldenfalle herauszukommen und nicht wettbewerbsfähige US-Produkte exportfähig zu machen. Wenn das man gut geht.
Und in diesem Szenario tritt der US-Präsident der Konjunktur und den globalen Kapitalmärkten mit dem größten Unsinn seit 100 Jahren noch mit Vollgas in den Allerwertesten. Dazu ist aber schon reichlich kommentiert und geschrieben worden. Dass er zunächst mal eine halbe Rolle rückwärts gemacht hat, ist vermutlich einem hohen innenpolitischen Druck zu verdanken. Denn der Allerwerteste schmerzt nicht nur den zahlreichen US-Bürgern, die ihre Altersversorgung über die Aktienmärkte aufbauen. Er schmerzt vor allem seinen ‚Kumpels‘ aus der Finanz- und Techindustrie wie z.B. Milliardär und Hedge-Fund Ikone Bill Ackman, der die Wahl von Batman noch vor wenigen Monaten feierte: „the most pro-growth, pro-business, pro-American administration he’d seen in his adult life“.
Nach den Marktturbulenzen in der vergangenen Woche konnte die Riege dann das Wasser nicht mehr halten und hier stellvertretend wieder Ackman:
„I don’t think this was foreseeable,” the hedge-fund mogul posted on X. „I assumed economic rationality would be paramount” und weiter das Risiko eines „self-induced, economic nuclear winter” an die Wand malt. Uns erinnert dieses Kapitel der Freakshow eher an das bekannte Mimimimimi der Muppets Show.
Über die massiven wirtschaftlichen Interessenkonflikte des Batman hat die FAZ schon am Donnerstag berichtet. Diese Riege plündert das Land skrupellos aus. Es stellt sich nicht mehr die Frage: Was ist wichtiger, die USA oder der Geldbeutel des Präsidenten?
Wem nutzt die gesteuerte Volatilität der Märkte? Es lässt sich vermuten, wenn wir uns die erste Amtszeit des Präsidenten Trump ansehen. Aber auch Elon Musk, dessen Teslas in vielen Teilen der Welt mittlerweile von Aktivisten wie Bürgern verteufelt werden, quakt ja bereits seit längerem im Mimimimi… und setzt sich nun mit Vollgas ab. So beschimpfte er den Trump-Berater und ‚Architekten‘ des Zollwahns Peter Navarro auf X: „Navarro sei ‚wirklich ein Idiot‘ und ‚dümmer als ein Sack Ziegel‘.
Wenn Europa irgendwann mit Digitalzöllen gegen die US-Techs zurückschlagen würde, dann werden Batman und seine ehemaligen Tech-Jünger merken, wie schnell sich Defizite abbauen. Aber andersherum.
Nun ja, wie heißt es in Deutschland: ‚Pack schlägt sich, Pack verträgt sich‘. Und die Aussetzung des Zollirsinns für 90 Tage lässt eben offen, was nach den drei Monaten passiert. Volle Attacke bleibt dagegen der Zollkurs gegenüber China, der ja auch auf Peter Navarros Buch ‚Death by China‘ basiert. Navarro bezieht sich hier auf einen Ökonomen ‚Ron Vara‘, der aber rein fiktiv ist und ein Namenspiel: auf den Autor Navarro selbst. Narzissten treiben Narzissten.
Und das Risiko, dass diese Auseinandersetzung mit China in einem militärischen Konflikt endet, nimmt langsam zu. Glauben Sie nicht? Zitat:
„The United States can no longer produce enough antibiotics to treat our sick”, Trump said in the White House Rose Garden on April 2. „If anything ever happened from a war standpoint, we wouldn’t be able to do it.”
Auch die geostrategischen Analysten von Bloomberg schrieben am Wochenende:
„Trump and Xi Are preparing for a War nobody wants. The US Tariffs are aimed at boosting national Security, but Trump is alienating allies he would need in any military Conflict with China.“
Es ist zu vermuten, dass auch alle weiteren Vorhaben Bauchklatscher werden, wie alles, was Batman bisher angefasst hat. Außer Riesenschäden und viel ‚digge Hose‘ ist diese Regierung ein Totalausfall. Lassen wir Revue passieren: In Gaza wird wieder geschossen, die Deportationen der Palästinenser, um eine Riviera aus dem Gaza-Streifen zu machen, der Friedensprozess zur Ukraine, ferner Grönland, Kanada und Panama sind weiterhin souverän, Handelskrise und Finanzkrise wurden zunächst nur temporär abgemildert und der Golf von Mexico heißt immer noch so.
Kommen wir auf Europa. Mancher Ökonom befürchtet, dass China die Güterströme, die es in den USA nicht mehr absetzen wird, nach Europa umleitet. Das hat auch eine gewisse Logik. Nur wird der Druck der USA auf die Europäer hinsichtlich einer Sicherheitsgarantie der NATO weiter zunehmen und man wird diese Karte spielen. Es ist zu hoffen, dass auch dieses ganze Theater scheitert, aber sicher ist das nicht.
Die ehemalige transatlantische Brücke liegt zertrümmert neben dem Wrack der Titanic. Wir hören immer mehr ‚Buy-Europe‘ und auch Banker amerikanischer Institute in Frankfurt berichten von Kunden, die diese Institute aufgrund ihrer Herkunft auch mal meiden.
Apropos Deutschland. Unsere Prognosen aus dem Februar-Standpunkt, den wir in der Wahlnacht schrieben hatten, sind zügig eingetreten bzw. wurden bei weitem übertroffen. Gleichwohl müssen manche noch lernen, was TINA heißt. „There is no Alternative“.
Wir verstehen, dass insbesondere die wirtschaftsorientierten Teile der Unionsparteien vor (Ent)-Täuschung schäumen und die Umfragen signalisieren, dass so mancher noch zur sogenannten politischen Alternative umzieht. Es liegt offensichtlich in der DNA des Konservatismus, das es manchmal etwas länger dauert, sich an neue Gegebenheiten zu gewöhnen. Und trotzdem muss man die designierte Schroko (Schwarz-Rote-Koalition) loben, dass sie es gegen alle Widerstände hinbekommen hat, auch wenn sich manche Unionschristen ‚über den Leisten balbiert‘ fühlen.
Es fällt uns auf, dass es immer wieder gutsituierte Herren sind, die hier nach Veränderung schreien und mit Hinblick auf das Parteiprogramm der Blauen möglicherweise einfach nur Selbstbedienung meinen. Wir haben hier bereits auf diesen sehenswerten Offenbarungseid hingewiesen.
Wo sind diese Populisten jetzt? Weidel, die für ein Foto mit Vance posierte? Hat sie dort angerufen und deutsche Interessen vertreten? Orban, der große Europäer? Und nun soll es ausgerechnet Frau Meloni richten, die dieser Tage ein Dinner mit Trump hat. So ‚unter Gleichgesinnten‘ sind wir mal gespannt, was dabei herauskommt.
Wir wären sehr vorsichtig, in diesem Umfeld weiter den Rattenfängern mit den einfachen Rezepten hinterherzulaufen. Sonst erleidet man schnell das Schicksal der amerikanischen ‚Vorbilder‘ wie Ackman & Co. und es heißt irgendwann dann Mimimimi. Und das Mimimimi wäre noch nicht mal das Schlimmste. Sondern Ragnarök.
Was heißt das nun für Investoren? Politische Börsen haben kurze Beine, predigen die Gesundbeter. Aber die Ausmaße dieser tektonischen Verschiebungen sind doch ‚ein wenig‘ fundamentaler und machen diese Beine deutlich länger. Die Anleger in den so favorisierten MSCI-World Sparplänen merken bereits seit dem Jahreswechsel, was mit ‚Cost-Average-Effekt‘ gemeint ist. Es wird sehr lange dauern, bis der Globus dieses Chaos wieder aufgeräumt hat. Wenn überhaupt. Und da hilft eher aktives Portfolio-Management, um herauszufinden, wer die Profiteure sind und wer auch nicht. Auch wenn es manchmal einen Taler mehr kostet als ein Index-ETF. Gute Fondsmanager sind jetzt wieder erste Wahl.
Wir denken, dass die Minimum 900 Mrd. EUR, sinnvoll eingesetzt, einen gewaltigen Schub auslösen können – trotz Trump. Das denkt anscheinend auch die Finanzwelt, denn die Entwicklung des Euro gegenüber dem Dollar zeigt dies. Wir sind der Meinung, dass dies auch positive Auswirkungen für viele mittelständische Unternehmen zeigen wird. Wahrscheinlich sogar wieder für eine Aufhellung am Arbeitsmarkt sorgt. Gleichzeitig gehen wir von einem Kapitalbedarf für Anschubfinanzierungen aus, die über den Kapitalmarkt refinanziert werden können.
Dies und neue globale Allianzen gegen die Amerikaner werden uns hoffentlich die Götterdämmerung ersparen. Aber es bleibt sicher ruppig.
[1] Die Ragnarök (altnordisch „Schicksal der Götter“; aus regin, gen. pl. ragna „Gott“, rök „Ursache, Sinn des Ursprungs“) ist die Sage von Geschichte und Untergang der Götter (Weltuntergang) in der Nordischen Mythologie, wie es die Völuspá prophezeit.
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