Liquidität im Griff: wie Multibanking die Finanzierung im Mittelstand ergänzt

Für den Mittelstand ist es wichtig, genug Geld zu haben. So kann er investieren, mit Banken verhandeln und in Stressphasen stabil bleiben. Mit Multibanking behält man die Übersicht. Von Robert Steininger*

Wenn man aber mehrere Bankverbindungen, Kreditlinien und Kapitalmarktinstrumente nutzt, muss man auf alle Zahlungsströme gleichzeitig achten. Man darf nicht jede Kontobewegung einzeln, für sich betrachten.

Die Kernleistung von Multibanking

Multibanking bezeichnet die technische Möglichkeit, Konten bei verschiedenen Banken zentral in einem System zu bündeln. Über standardisierte Schnittstellen, in der Regel auf Basis von EBICS oder PSD2-APIs, werden Salden, Umsätze und Zahlungsaufträge kanalübergreifend verarbeitet. Das Ziel besteht darin, dass das Treasury und die Geschäftsführung nicht mehr fünf Online-Banking-Portale parallel prüfen müssen, sondern einen konsolidierten Liquiditätsüberblick erhalten.

Foto: © freepik.com

Für mittelständische Unternehmen steht zunächst die Transparenz im Vordergrund. Täglich oder sogar im Tagesverlauf aktualisierte Salden zeigen, wo Mittel brachliegen, wo Konten ein Sollsaldo aufweisen oder wo sich kurzfristig Spitzen abzeichnen. Dadurch wird Multibanking zur Grundlage für operative Entscheidungen, beispielsweise zur Frage, ob kurzfristig Zwischenfinanzierungen benötigt werden oder ob freie Mittel in den Schuldenabbau oder in Anlagen fließen können.

In dieser Infrastruktur nimmt jedes Konto eine definierte Rolle ein, wobei operative Konten für den Zahlungsverkehr neben Konten für Investitionen, Rücklagen oder Kreditbesicherung geführt werden. Selbst ein scheinbar einfaches Bankkonto kann in diesem System als Referenzkonto für bestimmte Cashflows oder Kapitalmarkttransaktionen fest zugeordnet werden.

Kontenstruktur und Finanzierung

Mittelständische Unternehmen, die neben klassischen Kreditlinien auch Leasing, Factoring oder Anleihefinanzierungen nutzen, verwalten oft zweistellige Kontenzahlen über mehrere Institute. Es besteht die Möglichkeit, Konten unterschiedlichen Funktionsbereichen zuzuordnen. Operative Konten dienen der Abwicklung von Debitoren- und Kreditorenzahlungen und bilden den täglichen Zahlungsverkehr ab. Ergänzend dazu werden Steuer- und Sozialabgabenkonten geführt, über die gesetzliche Verpflichtungen fristgerecht abgeführt werden.

Die Strukturierung von finanziellen Verpflichtungen gegenüber Banken erfolgt mittels Kredit- und Avalkonten. Separate Konten für Emissionserlöse oder zweckgebundene Fördermittel gewährleisten eine transparente und sachgemäße Verwendung der Mittel. Eine präzise Zuordnung reduziert Fehlerquellen. So werden bestimmte Konten ausschließlich für definierte Zwecke genutzt. In Verbindung mit Multibanking lassen sich diese Konten zu logischen Clustern zusammenfassen, wodurch beispielsweise ein Working-Capital-Cluster, ein Investitionscluster und ein Finanzierungscluster entstehen.

Für diese werden spezifische Kennzahlen wie die durchschnittliche Überziehungsdauer, die Zinsbelastung oder die täglichen Ein- und Ausgänge ausgewertet. Diese Struktur unterstützt die Finanzierungspraxis und wenn Anleihen emittiert oder syndizierte Kredite genutzt werden, müssen Covenants eingehalten werden, etwa bestimmte Liquiditätskennzahlen oder Mindestkontensalden. Multibanking-Systeme können Schwellenwerte überwachen und bei Annäherung an kritische Kennzahlen Warnmeldungen auslösen.

Datenqualitäten, Schnittstellen und Sicherheit

Die Qualität der Daten ist absolut wichtig für ein funktionierendes Multibanking. Schließlich werden Kontobewegungen über Bankschnittstellen abgerufen und in Treasury- oder Cash-Management-Systeme eingespielt. Damit man später Auswertungen zu Kunden, Lieferanten oder Projekten machen kann, muss man die Buchungstexte, Valutadaten, Gegenkonten und Referenzen richtig zuordnen.

Sicherheit ist auch ein zentrales Thema. Zugriffsbeschränkungen, Rollenmodelle und Freigabeprozesse müssen sicherstellen, dass Zahlungsaufträge nur von autorisierten Personen initiiert und freigegeben werden. Multibanking-Lösungen setzen hier auf mehrstufige Freigaben, Protokollierung und Verschlüsselung. Es geht darum, ob Unternehmen eigene Systeme betreiben oder auf SaaS-Lösungen setzen, bei denen die Anbieter Zertifizierungen oder Standards vorweisen.

Wenn man sich die Regeln ansieht, die in Europa für Zahlungen gelten, dann sind die Zahlungsströme auch in Ordnung. Die Zahlen von der Europäischen Zentralbank und der Deutschen Bundesbank zeigen, dass immer mehr Zahlungen ohne Bargeld stattfinden und Überweisungen nach SEPA-Standard immer häufiger sind. Multibanking-Lösungen helfen Unternehmen dabei, ihre Zahlungen und Transaktionen zu überwachen.

Zum Blick in die Zukunft

Transparente Ist-Daten sind nur der erste Schritt, denn Multibanking entfaltet seine Wirkung erst richtig, wenn Vergangenheitswerte mit Plan- und Forecast-Daten verknüpft werden. In rollierende Liquiditätspläne fließen Zahlungsziele von Kunden, Lieferantenvereinbarungen, Steuertermine, Zins- und Tilgungsprofile sowie geplante Investitionen ein. Multibanking-Systeme nutzen dabei historische Daten, um typische Zahlungsein- und -ausgangsmuster zu erkennen.

Foto: © freepik.com

Dadurch lassen sich kurzfristige Liquiditätsüberschüsse und -lücken prognostizieren. Unternehmen können dann entscheiden, ob sie freie Mittel zur Reduzierung von Kontokorrentlinien oder zur Zwischenanlage nutzen oder ob sie zur Überbrückung kurzfristige Kreditlinien in Anspruch nehmen sollten. Im Idealfall reduziert sich die Inanspruchnahme teurer Überziehungen, während gleichzeitig die Notwendigkeit für teure Notfinanzierungen sinkt.

Gerade in Verbindung mit Kapitalmarktfinanzierungen wie Schuldscheinen oder Mittelstandsanleihen spielt die Planungsqualität eine Rolle, weshalb Investoren und Banken darauf achten sollten, ob Zins- und Tilgungsdienste aus dem laufenden Cashflow bedient werden können. Ein belastbarer Liquiditätsplan, der aus konsolidierten Kontodaten gespeist wird, stärkt die Verhandlungsposition des Unternehmens.​

Praktische Schritte für Mittelständler

Für Unternehmen, die Multibanking einführen oder professionalisieren möchten, bietet sich ein mehrstufiges Vorgehen an. Ausgangspunkt ist eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Kontenlandschaft und Bankbeziehungen, zu der Kontenliste, Nutzungshäufigkeit, Kosten und Zinsbedingungen sowie technische Zugangsdaten gehören. Parallel dazu sollten die Kennzahlen definiert werden, die künftig regelmäßig vorliegen sollen, beispielsweise tägliche Gesamtsalden, Konten mit Überziehungsrisiko oder Zahlungsströme je Bank.

Im Anschluss erfolgt die Auswahl einer adäquaten Lösung, wobei die Kriterien Schnittstellenumfang zu Hausbanken, Sicherheitskonzept, Funktionsumfang im Liquiditätsmanagement, Kostenstruktur und Integrationsfähigkeit in bestehende Buchhaltungs- oder ERP-Systeme zu berücksichtigen sind. Ein Pilotbetrieb mit ausgewählten Konten hilft, Prozesse im kleineren Rahmen zu testen, bevor die gesamte Kontenlandschaft eingebunden wird.

Langfristig ist Multibanking ein Teil einer Gesamtstrategie. Dabei geht es um Konten, Liquidität und Finanzierung. Wenn man weiß, wie viel Geld fließt, kann man mit der Bank besser reden. Man kann besser planen, wie man Geld aufnimmt, Leasing, Factoring und von der Börse. Und man kann besser erkennen, wenn es Probleme mit dem Geldfluss gibt.

Multibanking im Mittelstand geht von überall aus heutzutage

Multibanking im Mittelstand geht von überall aus heutzutage

*) Robert Steininger ist Fachautor für u.a. Anlagestrategien und publiziert regelmäßig zu Fachthemen wie Online- und Investment-Strategien, Glücksspielthemen, Krypto und Verhaltensanalyse.

——————-

! NEU ! Unsere neueste BondGuide-Jahresausgabe „Finanzierung im Mittelstand 2025“ kann jetzt vollkommen kostenfrei gelesen und heruntergeladen werden. Daneben können auch unsere weiteren Nachschlagewerke wie bisher als kostenlose E-Magazine bequem heruntergeladen, gespeichert & durchgeblättert werden.

Bitte nutzen Sie für Fragen und Meinungen Twitter – damit die gesamte Community davon profitiert. Verfolgen Sie alle Diskussionen & News zeitnaher auf Twitter@bondguide !