El Niño teilt Schwellenländer in Gewinner und Verlierer

El Niño könnte 2026/27 Schwellenländer unterschiedlich treffen – mit Risiken für Inflation und Wasserkraft, aber Chancen für Agrarexporteure.

Von Alexandra Symeonidi, CFA, Senior Corporate Credit and Sustainability Analyst im Emerging Markets Debt Team von William Blair Investment Management

Ein starkes El Niño könnte 2026 und 2027 deutliche Spuren in den Schwellenländern hinterlassen. Betroffen wären vor allem Lebensmittelinflation, Wasserkrafterzeugung, Agrarerträge und Rohstoffpreise. Für Investoren ergibt sich dabei kein einheitliches Bild: Während dürregefährdete Länder und Regionen mit hoher Wasserkraftabhängigkeit unter Druck geraten könnten, dürften Agrarexporteure von steigenden Rohstoffpreisen profitieren.

El Niño wird durch ungewöhnlich hohe Meeresoberflächentemperaturen im tropischen Pazifik ausgelöst und kann globale Wettermuster erheblich verändern. Nach den Ereignissen 2023/24 und 2015/16 wird für dieses Jahr erneut ein starkes Ereignis erwartet. Die Prognosen sind allerdings breit gestreut – entsprechend unsicher sind Stärke und konkrete regionale Folgen.

Wetter wird zum Wirtschaftsfaktor

Besonders relevant ist die Wasserkraft. Länder in den Anden und südlich der Sahara sind teilweise stark darauf angewiesen. Weniger Niederschlag, sinkende Stauseepegel und eine geringere Stromproduktion könnten dort die Energiekosten erhöhen. Auch die Lebensmittelinflation ist ein wichtiger Übertragungskanal: Wo Landwirtschaft stark vom Wetter abhängt und Lebensmittel einen hohen Anteil der Konsumausgaben ausmachen, können Ernteausfälle schnell auf die Verbraucherpreise durchschlagen.

Als besonders exponiert nennt Symeonidi unter anderem Pakistan, Sri Lanka und mehrere Volkswirtschaften südlich der Sahara. Auch Indien könnte betroffen sein, sollte ein schwächerer Monsun die landwirtschaftlichen Erträge beeinträchtigen.

Allerdings könnten Währungen einen Teil des Preisschocks abfedern. Mehrere Schwellenländerwährungen haben im vergangenen Jahr aufgewertet. Kolumbien, Südafrika, Brasilien und Mexiko könnten dadurch höhere Import- und Rohstoffpreise teilweise kompensieren. Für Kolumbien und Südafrika könnte das angesichts möglicher stärkerer El-Niño-Effekte im Jahr 2027 besonders relevant werden.

Agrarrohstoffe mit Verzögerung

Auf der Gewinnerseite könnten Agrarexporteure stehen. Historisch wurden El-Niño-Phasen mit höheren Preisen für Palm- und Kokosöl, Kautschuk, Kakao, Kaffee und Reis in Verbindung gebracht. Bemerkenswert ist dabei der zeitliche Versatz: Die stärksten Preiseffekte können sich laut William Blair erst rund ein Jahr nach Beginn der El-Niño-Bedingungen zeigen.

Auswirkungen von El Niño

Auswirkungen von El Niño – Quelle: WBIM

Davon könnten etwa Argentinien, Kasachstan und die Ukraine bei Weizen profitieren. Thailand und Pakistan könnten bei steigenden Reispreisen besser dastehen. Auch Brasilien erscheint interessant: Während der Norden trockener werden könnte, werden für den Süden feuchtere Bedingungen erwartet – mit möglichen positiven Effekten auf Soja und Mais in wichtigen Anbauregionen. Ein stärkerer Real könnte die Vorteile höherer Agrarexporte zusätzlich verstärken.

Entscheidend bleibt damit der länderspezifische Blick. El Niño ist kein pauschaler Belastungsfaktor für Schwellenländer. Abhängigkeit von Landwirtschaft und Wasserkraft, Inflationssensitivität, Währungsentwicklung und Rohstoffexporte bestimmen, wo aus veränderten Wettermustern wirtschaftliche Risiken oder Chancen entstehen.

Alexandra Symeonidi

Alexandra Symeonidi, CFA, ist Senior Corporate Credit and Sustainability Analyst im Emerging Markets Debt Team von William Blair Investment Management. Das Investmentteam betrachtet die möglichen El-Niño-Folgen im Zusammenspiel mit makroökonomischen und marktspezifischen Faktoren.

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