Deutschland schon wieder der kranke Mann Europas (?)

Im aktuellen CIO View blickt Prof. Dr. Jan Viebig, CIO bei ODDO BHF, mit Sorge auf die Wachstums- und Konjunkturperspektiven in Deutschland.

Die deutsche Wirtschaft hat im vierten Quartal 2022 und im ersten Quartal 2023 Rückgänge des realen Bruttoinlandsprodukts um -0,4 bzw. -0,1% verzeichnet. Damit befand sich die deutsche Wirtschaft nach bereits in einer ‚technischen‘ Rezession. Das Statistische Bundesamt hat heute veröffentlicht, dass das reale Wachstum im Vergleich zum Vorquartal stagniert (0,0%). Im Vorjahresvergleich ist das BIP preisbereinigt um -0,6% zurückgegangen. Damit bleibt die Sorge um die Lage der deutschen Volkswirtschaft weiter bestehen.

Erhöhte wirtschaftliche Unsicherheiten, steigende Arbeitskosten (die Lohnstückkosten liegen rund 11% höher als Ende 2019) und beträchtliche Bürokratiekosten belasten die deutsche Wirtschaft. Unausgegorene wirtschafts- und finanzpolitische Aktionen wie das Gebäudeenergiegesetz tragen zur Verunsicherung der Unternehmen und Haushalte bei. Deutschland wird nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds unter den großen Volkswirtschaften der Eurozone vermutlich das geringste Wachstum im Jahr 2023 aufweisen.

Foto: © Frank Wagner – stock.adobe.com

Deutschland ist momentan aber auch deshalb wieder der kranke Mann Europas, da Investitionen in Bildung und Forschung jahrelang versäumt wurden, die Digitalisierung nur geringe Fortschritte macht und die Energiepreise hierzulande zu den höchsten weltweit zählen. Die Arbeitsproduktivität in Deutschland ist in der letzten Dekade nur um kümmerliche 0,3% pro Jahr gestiegen. Schon heute behindert der Fachkräftemangel das Wachstum von Unternehmen. Ohne Zuwanderung wird die Erwerbsbevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren in Deutschland demografisch bedingt stärker fallen als die Gesamtbevölkerung.

Die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen, Älteren und qualifizierten Zuwanderern sowie die Steigerung der Arbeitsproduktivität zählen zu den ungelösten Problemen hierzulande. Deutschland drohen neben einem konjunkturellen Abschwung erstmals auch langfristige Wohlstandsverluste, wenn es dem Land nicht gelingt, die Produktivität durch eine wachstumsorientiertere Politik zu erhöhen.

Prof. Dr. Jan Viebig

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