
Steigende Verteidigungsbudgets und der Druck auf schnellere Lieferungen lenken den Fokus von den bekannten Prime-Contractors im Defense-Bereich auf spezialisierte Zulieferer. Die starke Fragmentierung entlang der Lieferkette in Europa begünstigt Konsolidierung und Skalierung und schafft so Bewertungsunterschiede, von denen Value-Investoren profitieren können. Der aktuelle Marktkommentar von Harald Sporleder, Chief Investment Officer, Lingohr Asset Management:
Die europäische Verteidigungsindustrie wandelt sich – und das weit jenseits der bekannten Großkonzerne. Steigende Budgets, Produktionsengpässe und der politische Druck zu mehr europäischer Wertschöpfung rücken Zulieferketten, Spezialisierung und Skalierung in den Vordergrund. Weil der Markt über Jahrzehnte als zersplittert und in Teilen unterfinanziert galt, eröffnet das neue Chancen – für Investoren, die auf Bewertungslücken und Konsolidierungsmöglichkeiten setzen.
„In der öffentlichen Wahrnehmung konzentriert sich der Blick auf wenige große Namen. In der Wertschöpfung entsteht der Engpass aber häufig in der Lieferkette, vor allem hinsichtlich Komponenten, Fertigungstiefe und Lieferfähigkeit“, sagt Harald Sporleder, Chief Investment Officer der Düsseldorfer Investmentboutique Lingohr Asset Management. „Somit trifft strukturelle Nachfrage auf knappe Kapazitäten und auf Unternehmen, die am Kapitalmarkt teilweise noch mit einem Abschlag gehandelt werden. Für Value-Investoren ist Defense ein Feld, in dem Substanz und Preis wieder stärker auseinanderlaufen können.“
Hinter dem Wandel steht vor allem die erwartete Neuordnung von Beschaffung und Zusammenarbeit. Nationale Spezifikationen, parallele Produktionslinien und fehlende Skaleneffekte haben die Kosten in der europäischen Rüstungswirtschaft seit Jahren hochgehalten – Stoff genug für Effizienzgewinne durch Standardisierung und Kooperation. McKinsey beziffert das Potenzial einer stärkeren Konsolidierung in der Lieferkette auf bis zu 9 Mrd. EUR Kostensynergien pro Jahr und knüpft dies an Interoperabilität und strategische Resilienz. Auch in der Nato wächst die Kritik: Die Allianz kauft weiterhin zu häufig national ein und verliert dadurch Geschwindigkeit und Kosteneffizienz.
Finanzinvestoren haben das Thema für sich entdeckt. Daten von S&P Global Market Intelligence zeigen, dass das Volumen von Private-Equity- und Venture-Deals im europäischen Aerospace- und Defense-Sektor 2025 deutlich gestiegen ist – getragen von erwarteten Rüstungsausgaben und Konsolidierungsgelegenheiten in einem nach wie vor fragmentierten Markt. Auch der Kapitalmarkt wird aufmerksamer: Ein aktueller Bericht nennt den Börsengang eines großen Defense- und Aerospace-Zulieferers mit einem Emissionserlös von rund 1 Mrd. USD als Beleg dafür, dass das Investoreninteresse längst nicht mehr nur bei den Flaggschiffen der Branche hängt.
Lingohr sieht das Feld nicht als pauschale „Defense-Wette“, sondern als Raum für selektive Urteile über Geschäftsmodelle. Wenn politische Programme die Lieferfähigkeit priorisieren und Beschaffungsprozesse sich stärker standardisieren, haben Anbieter mit nachgewiesener Qualität und Skalierungsvorteilen bessere Karten. „Value Investing bedeutet an dieser Stelle, die Spreizung zu nutzen: Dort, wo der Markt noch alte Abschläge fortschreibt, obwohl sich die Nachfrage- und Beschaffungslogik strukturell verändert“, so Harald Sporleder. „Die zweite Reihe wird dann interessant, wenn sie technologische Spezialisierung, Fertigungskompetenz und Lieferzuverlässigkeit mit einer Bewertung verbindet, die diesen Wandel noch nicht vollständig abbildet.“
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