Anleihefaktor Klimaforschung

Klimaforschung könnte für Anleger in Schwellenländer-Anleihen wichtiger werden: Nicht nur Staaten, auch Wertpapiere selbst könnten künftig resilienter gestaltet werden.

Schwellenländer-Investments sind besonders anfällig für Tail-Risiken. Treffen fiskalische oder außenwirtschaftliche Schwachstellen auf unterschätzte externe Faktoren, können daraus erhebliche Verwerfungen entstehen. Physische Klimarisiken gehören zunehmend dazu. Für Samy Muaddi, Leiter Schwellenländer-Anleihen bei T. Rowe Price, kann Klimaforschung deshalb einen konkreten Beitrag zur Anlageentscheidung leisten – etwa indem sie bislang übersehene Risiken sichtbar macht oder die Bewertung eines Staatskredits verändert.

T. Rowe Price arbeitet dabei unter anderem mit der Johns Hopkins University in den Bereichen Klimawissenschaft und Systemtechnik zusammen. Ziel sei nicht, aus Anlegern Klimawissenschaftler zu machen, sondern zusätzliches Fachwissen für die Bewertung von Wirtschafts-, Staatskredit- und Marktrisiken zu nutzen.

Wie sich Klimarisiken direkt in Anleihen integrieren lassen, zeigt Grenada. Bei der Umschuldung des Landes wurde eine klimaresiliente Hurrikan-Klausel eingeführt. Sie ermöglicht es, bei einem definierten klimabedingten Ereignis eine Kuponzahlung aufzuschieben und zu kapitalisieren. Der entsprechende Auslöser wurde inzwischen tatsächlich aktiviert.

Klimaforschung soll Investoren nicht zu Wissenschaftlern machen

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Die nächste Herausforderung laute Skalierung. Eine von der britischen Regierung einberufene Gruppe von Asset Managern, die London Coalition, arbeitet an einer standardisierten Aussetzungsklausel für Staatsanleihen. Diese könnte bei Naturkatastrophen, Pandemien oder Konflikten vorübergehend die Aussetzung von Schuldendienstzahlungen ermöglichen.

Für kleinere Staaten könnte eine solche Klausel besonders wertvoll sein. Sie verschafft ihnen im Krisenfall sofort finanziellen Spielraum, ohne dass eine Umschuldung erst ausgehandelt werden muss. Für Anleger wiederum wird die Resilienz des Wertpapiers selbst zu einem Bewertungsfaktor.

Allerdings gibt es diese Flexibilität nicht kostenlos. Anleger müssten den Wert der Zahlungsaussetzungsoption gegen eine höhere Transparenz bei den Staatsschulden abwägen. Eine bessere Offenlegung könnte das wahrgenommene Kreditrisiko reduzieren und damit einen Teil des Werts der eingeräumten Option kompensieren.

Damit entsteht eine neue Verbindung zwischen Klimaforschung und Anleihebewertung. Je häufiger klimaresiliente Strukturen eingesetzt werden, desto wichtiger wird es, Wahrscheinlichkeit und mögliche Folgen extremer Ereignisse nicht nur für den Staat, sondern auch für die konkrete Anleihe zu bewerten.

Für Muaddi sollte Klimaforschung deshalb langfristig angelegt sein. Es gehe weniger darum, das nächste Wetterereignis vorherzusagen, als Schwachstellen und unterschätzte Tail-Risiken frühzeitig zu erkennen. Für Anleger in Schwellenländer-Anleihen könnte es damit künftig ebenso wichtig werden, die Widerstandsfähigkeit eines Wertpapiers zu bewerten wie dessen klassisches Kreditrisiko.

Samy Muaddi

Samy Muaddi ist Leiter des Bereichs Schwellenländer-Anleihen bei T. Rowe Price. Der Asset Manager zählt zu den großen internationalen Investmentgesellschaften und beschäftigt sich unter anderem mit Staats- und Unternehmensanleihen aus Schwellenländern.

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